Review: Programm des Independent Space Index – A Short Introduction über die Vielfalt einer Szene

von Johanna Müller

Dass die junge Kunstszene in Wien divers und vielfältig ist, hat bereits die im Frühjahr 2019 gezeigte Ausstellung Über das Neue. Junge Szenen in Wien im Belvedere21 bewiesen. Abseits solcher etablierten Häuser verfügt Wien aber auch über eine lebendige Kultur für alternative Off-Spaces und nicht-kommerzielle Ausstellungsräume. Viele dieser Spaces organisieren sich seit 2017 im Independent Space Index. Der Index trägt einerseits zur Vernetzung der unterschiedlichen Initiativen und Projekte bei – und schafft gleichzeitig eine Sichtbarkeit über die Off-Szene hinaus, die schließlich in Großausstellungen wie jene im Belvedere21 führen. Ergebnis der Vernetzung des Independent Space Index sind auch die drei Tage im Oktober, an denen sich Wiener Off-Spaces und alternativen Galerien zum gemeinsamen Rundgang zusammenschließen. Vom 10. bis 12. Oktober wurden in diesem Jahr an rund dreißig Orten über sechzig künstlerische Positionen präsentiert. Dabei ordnet der Index die Ausstellungen keinem kuratorischen Programm unter. Vielmehr geht es darum, die Off-Space-Szene in ihrer Vielfältigkeit zu präsentieren. Unterschiede finden sich viele – sowohl in Bezug auf die Ausstellungsräume als auch auf das, was sich in diesen Räumen befindet: Malerei, Skulptur, Zeichnung, Kunsthandwerk, Installation, Video, Performance sowie Musik, Lesungen und Gespräche. Gerade diese Vielfalt macht das dreitägige Programm des Independent Space Index zu einem Sprachrohr für die gut vernetzte Szene.

Die Diversität der Raumnutzung wird anhand der onemessgallery besonders deutlich. Sie präsentiert im schicken ersten Wiener Bezirk in einem ehemaligen Müllraum ihre Ausstellungen. Allein im Namen der Galerie findet sich ein ironischer Kommentar auf die Frage, an welchen Orten in exklusiven Bezirken nicht-kommerzielle Kunst und Kultur noch ihren Platz finden kann. Nachdem die Besucher*innen drei steile Stufen in das Souterrain der onemessgalleryherabgestiegen sind, finden sie eine Kunst vor, die besonders von den Antiquitäten und Malereien, die in der Umgebung feilgeboten werden, abweicht. Bartosz Dolhun und Tobias Pilz holen Alltagsgegenstände, die für gewöhnlich auf die Straße oder in den Straßenverkehr gehören, in die vier Wände der Galerie. Metallschilder werden in einen eleganten Faltenwurf gebracht, ein Pappkarton erhält eine konvexe Wellenform. Neben diesen Installationsarbeiten zeigt Pilz eine klassische abstrakte Druckgraphik, die sich dezent an eine der Galeriewände zurückzieht.

Im Off-Space school findet man dagegen überhaupt keine austellbaren Objekte vor. Hier wird – wie schon im Vorjahr – ein zwölfstündiges DJ-Set von vierundzwanzig weiblichen elektronischen Musiker*innen gespielt. Die Musik-Performance versteht sich dabei zum einen politisch, weil sie aktiv die männerdominierte Club-Kultur unterwandert und weibliche (Ton-)künstler*innen stärkt. Zum anderen fungiert sie auch als Party, die das Programm des Index für zwölf Stunden begleitet. Anders als ein „klassisches“ Party-Line-Up rückt school dabei aber nicht nur einen Star-DJ in den Fokus, sondern übergibt mehr als zwanzig DJanes für je eine halbe Stunde das Mischpult. Ruhiger als in school geht es bei Pina zu. Die von Johanna Thorell kuratierte Gruppenausstellung vereint unter dem Titel Cartography of Memory sieben Positionen von fünf internationalen Künstler*innen, die nach dem Zusammenhang von Erinnerung und Vergangenheitskonstruktion fragen. Thorell lädt ein zu fragen, nach welchen Maßstäben und Koordinaten Erinnerung produziert wird und wo sie sich auf einer Karte verorten ließe. Biographisch ist das Thema bei Igor Blomberg Tranaeus gelöst, der die alten Fotografien seiner Großeltern digitalisierte und den Betrachter*innen Straßenzüge, private Abendgesellschaften und menschenleere Landschaften präsentiert. In einer circa siebenminütigen Videoarbeit mit dem Titel What Might Once Have Belonged to Me (I) von 2018 lässt er in langsamer Abfolge die historischen Fotografien erscheinen. Diese unterlegt er mit einem ruhigen Voice-Over, das Aufschlüsse darüber gibt, was die Fotografien nicht zeigen können. Zusammen bilden sie ein Netzwerk von bildlichen Erinnerungen.

Nur wenige Gehminuten entfernt von Pina hat sich die Galerie Guimarães an einem Ort einquartiert, der besonders ungewöhnlich und geschichtsträchtig ist. Hinter der Fassade eines prunkvollen, neobarocken Hauses am Naschmarkt befindet sich im Innenhof ein alter Pferdestall. Mittlerweile ungenutzt, werden hier nun nicht mehr Pferde, sondern auf zwei Etagen aktuelle Arbeiten der portugiesischen Künstlerin Ana Jotta ausgestellt. Ihre Arbeiten setzen sich aktiv mit dem Ausstellungsraum und der Geschichte der Stadt Wien auseinander. So bezieht sich ein raumgreifendes Werk im Titel auf die österreichische Kaiserin Elisabeth, eine andere zeigt ein hölzernes Pferd. Am beeindruckendesten ist aber sicher die Bodenarbeit Parterre (2019), die auch den Titel der Schau vorgibt. Auf einem langen, weißen und grobgewebtem Leinentuch, das ursprünglich als Läufer für eine Treppe gedacht war, hat Jotta kleine Figuren und abstrakte Zeichnungen gestickt. Nicht nur entsteht damit ein starker Hell-Dunkel-Kontrast zu dem nahezu schwarzen Holzboden des ehemaligen Pferdestalls. Auch zieht Jotta eine Grenzlinie im Ausstellungsraum, die zwar „par terre“ liegt und damit passierbar ist, aber dennoch den Raum in zwei Hälften aufteilt. Die eine Hälfte scheint den Kunstwerken vorbehalten, die andere den Betrachter*innen. Trotz dieser Abgrenzungsfunktion behält Parterre aber durch die Stickereien, die unter anderem Comic-hafte Mäuse zeigen, etwas Infantiles und Spielerisches.

Neben Guimarães Umnutzung eines historischen Raumes lassen sich die von großen Fenstern bebänderten Räumlichkeiten des KevinSpace als nahezu klassischer Galerieraum begreifen. Hier wird die erste Solo-Ausstellung im deutschsprachigen Raum der britischen Künstlerin Dominique White präsentiert. Unter dem Titel Abandon(ed) Vessel zeigt White zwei Arbeiten von 2019, die sich mit dem Meer, der Schifffahrt, der Erosion und nautischen schwarzen Mythen auseinandersetzt. Für Ruttier for the Absent (2019) stellt die Künstlerin eine Wand- und Bodeninstallation aus Tauwerk, Fischer*innen-Netzen, Segeln und Stroh zusammen. Zwei halbkreisförmige Harken, die White handwerklich in Florenz herstellen ließ, sind an der Wand angebracht und lassen in einer fließenden Bewegung Seile und Tauwerk herab. Diese laufen auf den schwarz gestrichenen Galerieboden aus, werden von Netzen, getrocknetem Gras, beschädigtem Segeltuch und einem getrockneten Palmwedel begleitet. Die Elemente zusammen bilden die horizontale Fortsetzung dessen, was in vertikaler Ausrichtung an der Galeriewand beginnt. Es entsteht eine fließende, wellenhafte Bewegung in der Arbeit, die das Meeresmotiv der einzelnen Elemente aufgreift. Zusätzlich hat White am Boden mit weißer Tonerde gearbeitet. Dieses wasserlösliche Material bildet lange Schlieren, die ein Relikt des Installationsprozesses sind. Mit dem Segeltuch, dem Tauwerk und den anderen Materialien streicht White über die Farbe und bemalt damit den Galerieboden. So wird nicht nur auf den Produktionsprozess verwiesen, sondern auch das Medium Malerei in die Installation eingefügt. Zudem thematisiert die Künstlerin Vergänglichkeit und die prozesshafte Abhängigkeit der Arbeit von der Vergangenheit. Bevor die Installationselemente in KevinSpacegezeigt werden, hat die Künstlerin sie dem Wind, Wetter und Salzwasser der italienischen Insel Favignana ausgesetzt. Damit erhalten die Materialien eine Patina und sanfte Farben in einem goldenen Beige. Die Motive des Meeres, der Vergänglichkeit und des Vergessens interessieren White auch, weil sie mit nautischen schwarzen Mythen semantisch aufgeladen sind. So kursiert – ausgehend von dem Detroiter DJ-Duo Drexciya – die Erzählung einer Unterwasser-Zivilisation, die sich aus ertrunkenen Sklav*innen auseinandersetzt. In ihr wird das Meer zum Schutzraum für eine schwarze utopische Parallelgesellschaft und Zukunft.

Durch den Independent Space Index wird die Wiener Kunst- und Kulturlandschaft nachhaltig geprägt und erweitert. Nicht nur bietet dieser der Off-Space-Szene die Möglichkeit zur Vernetzung und Kollektivarbeit, auch wird durch den Index die Sichtbarkeit der alternativen Ausstellungsorte gegenüber den zahlreichen etablierten Häusern in Wien gestärkt. Die rund sechzig Mitglieder des Kollektivs werden in ihrer inhaltlichen und formalen Diversität unterstützt – denn der Independent Space Index kann die Off-Spaces, Projekträume und Artist-Run-Galleries in ihrer Vielfalt bündeln ohne sie einzuschränken.

 

Independent Space Index

https://independentspaceindex.at/
https://independentspaceindex.at/2019/program
10. – 12. Oktober 2019, Wien

onemessgallery

eff eff
Palais Montenuovo
Löwelstraße 6
1010 Wien

school

Performative Screenings #62: THE UNQUESTIONED ANSWER II
Grüngasse 22
1050 Wien

Pina

Cartography of Memory
Große Neugasse 44
1040 Wien

Guimarães

Ana Jotta: Parterre
Linke Wienzeile 36 / 1c
1060 Wien 

KevinSpace

Dominique White: Abandon(ed) Vessel
Volkertstraße 17
1020 Wien