Ring ring – Vincent Vandaele

Riiing, riiing…
“This is a man’s world…” tönt es aus dem Radio in den Kühlschrank und wieder heraus. Mir, dem Betrachter des Videos mitten ins Gesicht. Ein unwiderstehlicher Moment muss es gewesen sein, als Vincent Vandaele nachts den Speck mit der Capri Sonne zu James Brown hat tanzen sehen und ohne zu zögern zur Kamera griff, um diese Komposition für sich und die Nachwelt festzuhalten. Es sind solche Zufälle, anekdotischen Arrangements, die Ungereimtheiten des Lebens, die Funken der poetischen Sinnlosigkeit, welche für ihn bedeutende Geschichten erzählen und stets Ausgangspunkt seiner künstlerischen Praxis sind.
Als Vincent Vandaele vor fünf Jahren nach Brüssel ging, war er noch Zeichner, der seine Inspiration aus der Graffiti-Ästhetik holte und wie er selbst sagt, vornehmlich “Flachware” produzierte. Was wir jedoch heute sehen, ist eine seitdem kontinuierlich weiterentwickelte, bildhauerische Praxis, die ihren Reichtum und ihre Spannung der gekonnt assoziativen Gegenüberstellung einer Vielzahl von Medien und dem Mut zum zitatreichen Stilbruch verdankt. Es ist eine engagierte Praxis, die sich nicht hinter konzeptueller Rechtfertigungsrhetorik ver- steckt, sondern das, was Kunst sein will (und darf), herausfordert: eine zugleich komplexe wie sinnliche Erfahrung zu sein, bei der der Geist dem Fühlen folgt und doch am Ende alles irgendwie Sinn ergibt.
Ein Raum gefüllt mit Objekten. Die Wände leer und weiß. Hier hat sich jemand entschieden. Der Boden ist Ochsenblutrot. Einmal in den Raum eingetreten, können wir als Betrachter keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, ohne dass die Sinnlichkeit der Farbe nicht gleich mit der Herausforderung einer Auseinandersetzung mit Deutscher Geschichte kollidiert.
Sinn oder Sinnlichkeit? Vielleicht so etwas wie ein erster Warnschuss, dass wir uns auf Konfrontationskurs befinden. Über den Raum verteilt, Sockel und Lautsprecher und Sockel als Lautsprecher. Sehen und hören spielen also eine wesentliche Rolle. Auf den Sockeln, beziehungsweise Lautsprechern als Sockel, Köpfe aus Keramik und Zement, farbig lasiert von konkret bis abstrakt, von Schütte über Josephsohn bis Moore ist alles dabei. Die meist figürliche Arbeit in diesem zitatreich eklektischen Ensemble ist ein keramischer Teufelskopf, der als Aschenbecher nur grinsend darauf zu warten scheint, Kippen auf der Stirn ausgedrückt zu bekommen. Ein kritisches Augenzwingkern an den endgültigen Tod der rauchenden Künstler-Romantik oder die Frage eines jungen Künstlers, was denn hier der eigentliche Nutzen der Arbeit ist? Erneut, Sinn oder Sinnlichkeit? Sicher ist, wir bewegen uns hier in einer hintergründigen Welt.
Während der zersägte Lautsprecher seine Daseinsberechtigung als Kopfstütze gefunden hat, scheint das mannshohe Exemplar zu allem in der Lage. In monatelanger Recherche entwarf und baute Vandaele diesen Ghetto Speaker, dessen an minimalistische Skulpturen erinnernde Form uns mit Spannung erwarten lässt, was sein Inneres wohl hergibt. Doch anstatt sein Versprechen einzulösen und uns mit den neuesten Hip-hop Beats oder den Klängen von Bachs Cellosuites zu bezaubern, ertönt in unregelmäßigen Abständen jener Klingelton, den geschätzte 90 Prozent aller Mobilfunknutzer in ihrem Smartphone aktiviert haben und damit zum “Klassiker” geworden ist. Ein Klingelton als kulturelles Erbe, der sich nicht zuletzt durch seine unausweichliche Präsenz im Film des 20. Jahrhunderts ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat. Enttäuschung angesichts dieses bisschen an Ton aus einem Lautsprecher mit so vielen Möglichkeiten? Im Gegenteil. Vandaele spielt erneut gekonnt mit der Proportion. Es ist die Balance zwischen unserer Erwartung und (Nicht-)Eintreten, Verlangen und (Nicht-)Befriedigung, die der Künstler geschickt unterläuft und uns mit einem präzisen Zitat versorgt, das bereits selbst in die Welt der Zitate übergegangen ist. Wie Pawlow’sche Hunde reagieren wir auf die Welt der Verführung. “Rangehen, schnell, es ist sicher wahnsinnig wichtig” lockt uns das Smartphone. “Schauen, schnell, es ist sicher wahnsinnig aktuell” lockt uns die Kunst. Das ist sie, die Realität die wir uns selbst geschaffen haben. Doch weil wir diese nur bedingt als solche wahrhaben wollen, laden wir uns Klingeltöne runter, um uns an die Vergangenheit zu klammern oder surfen auf Instagram, um den Anschluss auch ja nicht zu verlieren.
“This is a man’s world…”. Es wird klar, dass auch dies für Vandaele, den Macher, der sich sein Handwerk selbst beigebracht hat, ein schmunzelndes Zitat einer Zeit ist, in der Männer noch Männer waren und es offen auszusprechen wagten. Es wird klar, dass sich Vandaele mit dieser Ausstellung zugleich persönlichen sowie abstrakten Ebenen des- sen widmet, was Zeit ist: Jener des Abschieds von der Akademie, jener des Machens, jener der Reflektion dessen, was Machen ist und damit nicht zuletzt jener, was Kunst im 21. Jahrhundert ist? Einem Jahrhundert, das trotz künstlicher Intelligenz noch stets nicht genau zu wissen scheint, ob es nun eine eigene Identität haben darf oder in dessen Post-, Post-Post-Zustand jegliches Machen unweigerlich zum Zitat wird. James Brown jedenfalls endet mit den Worten:
Man…
He’s lost in the wilderness He’s lost in bitterness

Felix Kindermann

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