SCHLÜSSEL ZUR STADT

PRESSEMITTEILUNG

SCHLÜSSEL ZUR STADT

28. März – 5. April 2015

Künstler: Willem Besselink, Ossian Fraser, Karsten Konrad, Adam Kraft, Marta Kryszkiewicz, Jeewi Lee, Julian Rosefeldt, Raul Walch, Matthias Wermke & Mischa Leinkauf, Sinta Werner

Die Ausstellung zeigt elf Künstler, die im ständigen Dialog mit der Stadt arbeiten, wobei der Großteil der Werke direkten Berlinbezug hat. Der urbane Raum dient ihnen als ausgelagertes Atelier oder Fundus für Material und Formen. Ganz explizit führen die Werke von Adam Kraft, Raul Walch und des Künstlerduos Matthias Wermke/Mischa Leinkauf vor Augen, dass es ungewöhnlicher Schlüssel bedarf, um sich auch die schwer oder unzugänglichen städtischen Räume und Ressourcen zu erschließen.

In der Ausstellung ruhen längst pensionierte Fahnenstangen. Die „Twin Poles“ (2015) sind zusammengetragene Relikte aus vergangenen Zeiten und bedeuten den Abschluss einer Serie von Flaggen-Arbeiten, die Raul Walch weltweit an verschiedenen Orten realisiert hat. Hydranten- schlüssel verweisen auf gängige Verschönerungsmaßnahmen im öffentlichen Raum, die der Künstler seit mehreren Jahren mit seinen „Street Fountains“ wieder aufnimmt.

Unweit davon ist eine portable Draisine aufgebaut, die ihren Dienst in „Zwischen-zeit“ (2008) getan hat. In der Performance – einer „poetischen Variante urbaner Archäologie“ (Xander Karskens), bewegen sich Matthias Wermke und Mischa Leinkauf auf den Pfaden des Zerberus durch den Untergrund. Zwischen den Abfahrten der U-Bahnen erschließen sie sich in Intervallen, von einer Station zur nächsten, die Stadt.

Etwas indirekter gestaltet sich der Zugang zur Unterwelt bei Adam Kraft. Die Installation „Abwasser“ (2006/2012) beinhaltet Bauteile für ein Boot, mit dem sich der Künstler mühelos im Kanalsystem bewegen kann. Sie geben einen Einblick davon, wie er sich im Stillen unbeachteter Räume bemächtigt. Ähnlich subtil sind auch die Eingriffe von Ossian Fraser, der sich am Staub der Stadt zu schaffen macht. Immer wieder setzt er Kreise ins städtische Panorama und kontras- tiert dessen orthogonale Grundstruktur.

Andere Arbeiten beschäftigen sich mit der Ent- beziehungsweise Verschlüsselung der Stadt und lassen sich im weitesten Sinne als Archive und Statistiken des urbanen Formenvokabulars verstehen: Willem Besselink observierte für „Kiezwege Berlin“ (2010) vorbeiziehende Fußgänger und Fahrzeuge unweit des ehemaligen Senatsreservespeichers und übersetzte die gesammelten Daten in grafisch-minimalistische Kompositionen.

Jeewi Lee zeichnet die Spuren von Autos in „Straßenquerschnitt“ (2015) direkt auf: Ein Teppich fixiert den Bewegungsfluss auf einer der Berliner Hauptschlagadern.
Damit verlagert die Künstlerin ihren Fokus auf den Außenraum und lässt den Verkehr zum Mal- werkzeug werden, während bisher vor allem Ausstellungsbesucher ihre Abdrücke hinterließen.

Mit zivilisatorischen Überbleibseln beschäftigt sich auch „Remains“ (2013) von Marta Kryszkiewicz. Über ein Jahr hinweg las die Künstlerin Weggeworfenes aus den Straßenfugen in Leipzig und untersuchte es im Labor des Max-Planck-Instituts. Die abstrakt anmutenden Fotoarbeiten machen den Mikrokosmos der Stadt und die strukturelle Anmut des Abfalls sichtbar.

Karsten Konrad, Julian Rosefeldt und Sinta Werner überführen die von ihnen gesammelten Erinnerungen schließlich in utopisch daherkommende Objekte oder apokalyptische Narrativen. So orientieren sich die „Architypes“ (2001) von Karsten Konrad zwar teilweise an existierenden Berliner Gebäuden, nehmen aber nur deren Silhouette auf und stülpen sie über standardisiert gefertigte, modellartige „manuell-digitale Skulpturen“ (Knut Ebeling). Sie alle entstanden im gleichen Verfahren und nehmen den Einsatz des 3D-Druckers vorweg: ähnlich des auf „Null“ und „Eins“ basierenden Binärsystems sind sie aus der konsequenten Schichtung von identischen Bausteinen, von Spanplatten entstanden.

Auch Sinta Werner extrahiert Formen und Strukturen wie Abziehbilder von Gebäuden. Die Künstlerin reduziert den Stadtraum auf Bilder und führt die zweidimensionalen Vorlagen schließlich in Form von Collagen ins Dreidimensionale zurück. Ihre Skulptur „Off on a Tangent“ nimmt das Haus der Statistik und das Haus der Gesundheit zur Grundlage und rekurriert auf deren ungewöhnliche, spitz zulaufende Stellung im Stadtraum. Die typisch zentralperspektivische Darstellung von Gebäuden wird dabei unterlaufen: Gewölbt und nach oben ausfluchtend, beruht die Skulptur vielmehr auf der Wahrnehmung von Architektur aus der Bewegung.

Von abgetragenen Fassaden im weitesten Sinne erzählt auch ein Ausschnitt aus der frühen, 7-Kanal Video-Installation „Detonation Deutschland“ (1996) von Julian Rosefeldt. Die Archivaufnahmen von Sprengungen lassen im Crescendo städtebauliche Eingriffe ertönen und erzählen die Geschichte vom deutschen Wiederaufbau als ununterbrochene Folge von Zerstörungen: Wurden zunächst durch die Alliierten ideologisch belastete Gebäude gesprengt, folgten bald darauf beschädigte Häuser und Fabriken, um Platz für moderne Wohnbauten und Industrien zu schaffen. Die Detonationen werden zum poetischen Symbol für Aufbruchsglauben und Verdrängung gleichermaßen. Der Ausschnitt zeigt unter anderem Sprengungen in Berlin-Mitte und lässt noch die Zeit erahnen, zu der man über die Leipziger Straße zum Kaufvergnügen zwischen neo-barocken Fassaden flanierte.

Rosefeldts Arbeit schließt den Kreis und stellt formal und inhaltlich eine Verbindung zu den „Street Fountains“ von Raul Walch dar. Kaum wahrnehmbar sind zwischen den gigantischen Staubwolken vertikale, zur Staubbindung dienende Wasserfontänen zu sehen.

Eine Ausstellung von Jeewi Lee, Lydia Korndörfer und Raul Walch.

SCHLÜSSEL ZUR STADT
28. März – 5. April 2015 Leipziger Straße 60
Öffnungszeiten täglich: 16 – 20 Uhr

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.21.27

Schlüssel zur Stadt, Leipzigerstrasse 60, Ausstellungdauer: 29.3 – 5.4, täglich offen von 16 bis 20 Uhr

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.21.39

Karsten Konrad, Modern gilb, 2001, Beschichtete Spanplatte, gefundene Farben, Plexiglas 170 x 70 x 80 cm; Black seven, 2001, Beschichtete Spanplatte, gefundene Farben, Plexiglas 170 x 70 x 80 cm; Tre(flex), 2000 MDF, Spiegel-PVC 170 x 70 x 70 cm; Fassade, 2015, Beschichtete Spanplatte, gefundene Farben 170 x 70 cm; Ossian Fraser, Ohne Titel (San Francisco), 2011, Garagentür, Fotografie: 30 x 44 cm (gerahmt); Raul Walch Twin Poles, 2015 Fahnenstangen Ca. 750 x 70 cm

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.21.53

Jeewi Lee Straßenquerschnitt, 2015, Teppich, 1800 x 400 cm

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.22.09

Adam Kraft, Abwasser, 2006/2012, Installation, Bootsteile und Video Dimensionen variabel

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.22.20

Julian Rosefeldt/Piero Steinle, Detonation Deutschland, 1996, Exerpt 1 aus 7-Kanal Video-Installation Loop, 12:10 min.

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.22.35

Ossian Fraser, Ohne Titel (San Francisco), 2011 Garagentür Fotografie: 30 x 44 cm (gerahmt); Matthias Wermke / Mischa Leinkauf, Draisine aus der Arbeit Zwischenzeit, 2008

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.22.46

Sinta Werner, Off on a Tangent, 2013, Fine art print auf Alu-Dibond 215 x 130 x 40 cm; Marta Kryszkiewicz Remains, 2013 Injekt Print, je 59 x 42 cm

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.23.23

Willem Besselink, Kiezwege Berlin (Cuvryblock 2. Juni 2010), Digitaldruck, 73 x 53 cm (gerahmt), Edition: Senatsreservespeicher, Berlin

Bildschirmfoto 2015-04-01 um 20.23.35

Ausstellungsview