Sommerloch: Ein chronologisches Interview mit Paul Czerlitzki von Patrick C. Haas

In den vergangen 12 Monaten hat sich einiges in deinen Arbeiten getan. Wir wollen das Jahr revue passieren lassen und auf vergangene Projekte eingehen. 

Es gab zwei Ausstellungen, eine in Düsseldorf, in der Konrad Fischer Galerie und fast zeitgleich eine Ausstellung bei SVIT in Prag. Die Ausstellungen wurden auf Grund der unterschiedlichen Räumlichkeiten sehr verschieden. Bei Fischer fand die Ausstellung in ehemaligen Wohnräumen statt. Für mich waren diese alten Wohnräume interessant, um meine Arbeiten in einen intimeren Kontext einzubetten. Früh gab es den Wunsch, mit dem Motiv der Wandarbeit etwas zu zeigen, das nur in diesem Ort auftaucht. Etwas das aufscheint und auch verschwindet. Eine wichtige Überlegung im Prozess der Ausstellungsentwicklung war, dass diese Wandarbeit eine Klammer sein würde, um die unterschiedlichen Räume zu verbinden. Ebenso wollte ich die damals neue Serie ‘Fleshout’ (2018) zeigen. Arbeiten, die nackt sind, umzogen von einem Knochenleim, der die Leinwand zusammenzieht und umschließt. Diese beiden Elemente sollten zunächst die Einzigen sein, die in der Ausstellung auftauchen. Der Wunsch ging jedoch nicht ganz auf. Ich fing mit der Wandarbeit an und hatte dabei das seltsame Gefühl, dass es nicht reicht. Durch den stetigen Austausch mit dem Team der Galerie während des Aufbaus, öffnete sich das erstgewählte Korsett Stück für Stück. Mir wurde klar, dass ich mich nicht wehren wollte und in die Idee mit einsteigen möchte, den Blick der Anderen mit zusehen. Ein wichtiger und schöner Moment der Irritation. Durch eine größere Auswahl an Arbeiten wurde nicht nur die Erzählung leichter, sondern es erweiterte sich der Kontext und es kreuzten sich die Temperaturen und Zustände der Arbeiten. 

Wie war das für dich mit den Wandarbeiten? Deine bisherigen Wandarbeiten waren immer massiv, überlebensgroß. Hier war es human, auf eine menschliche Höhe angepasst, die Farbigkeit war sehr leicht. Es war fast ein langsames herantasten an die Räumlichkeiten.

Die Wandarbeit war silbern und tauchte je nach Licht und Zeit auf und ab. Sie wurde zu einem Schleier, der nicht alles überspielte oder abdeckte, nur den Betrachter führte. Sie war das Mittel zur Verbindung zwischen den Arbeiten und den verwinkelten Räumen. 

Parallel dazu hast du in Prag an der Ausstellung „06:16“ bei SVIT gearbeitet. War die Idee was du dort realisieren möchtest vorher schon klar, oder hat es sich mehr aus der Ausstellung in Düsseldorf ergeben? 

Beide Ausstellungen waren tatsächlich fast gleichzeitig, eine Woche hatte ich den Aufbau in Düsseldorf, darauf die Woche in Prag, und die Woche drauf noch einmal in Düsseldorf. Es war gut beide Möglichkeiten und Räume mitzunehmen und von beiden Situationen zu lernen. In Prag war die Situation in dem Sinne einfacher oder klarer, da es sich hierbei um eine Art Becken (White Cube) handelt, ohne Fenster mit sechs Pfeilern in der Mitte. Die Herausforderung für mich war physischer Natur. Ich hatte dort einen fünf Tage Slot und musste in diese  Dimension des „Pools“ eintauchen – man fragt sich was eigentlich möglich ist mit der eigenen Arbeit in solch einem Rahmen, wie strapaziere ich die Arbeit und mich? Mir hat die Architektur und Situation gefallen, dieses Becken Motiv, das ich füllen wollte. Dafür habe ich dann ebenso die Fähigkeiten der Wandarbeit nutzen wollen, die dann die Galerieräume tränken sollte. Für die Arbeit habe ich die Wände mit Leinwand gekleidet; mit dem Kompressor Farbe durchgesprüht; die Farbe fliegt durch das Gewebe der Leinwand und schlägt sich dann auf der Wand nieder, anschließend entkleide ich die Wand von der Leinwand. Übrig bleibt eine Art Spur oder Abdruck des Gewebes in Form einer Zeichnung. Im Vorfeld muss ich die Räume vorbereiten, abkleben und -decken, da nur ein bestimmter Bereich mit Farbe behandelt werden soll. Ich hatte sechs Bildträger, die ich in diesem speziellen Raum auftauchen lassen wollte. Sie gehören zu der Gruppe ‘ANNA’ – den Staubarbeiten – die auch vor Ort entstanden sind, in Resonanz zur Wandmalerei. Durch das Sprühen in diesen Dimensionen entsteht ein dichter Farbnebel, wenn die Räume geschlossen sind, kann dieser Nebel nicht entweichen und legt sich irgendwann gleichmässig auf den Boden, oder in diesem Fall auf die am Boden liegenden und grundierten Leinwände.

Dies waren die zwei Elemente für die Ausstellung. Sechs Bildträger und die Wandarbeit. Die ‘ANNA’s waren relativ klein. Sie entsprachen genau der Breite der Pfeiler. Ein lustiger Zufall, dass sie genau passten. Dadurch das die kleinen Leinwände deckungsgleich mit der eindrücklichen architektonischen Elementen waren, ergab sich hier eine schöne Möglichkeit diese in die Architektur mit einzubauen oder drüber zu legen, sie kippen zu lassen. Die vier Tage waren ein Höllenritt. Es war heiß, es gab keine Luft und ich hatte einfach sehr wenig Zeit, erschwerend kam das tschechische Bier hinzu, sodass ich nur kurz vor der Eröffnung fertig wurde. 

Diese Situationen hatten für dich Konsequenzen. Da du anfingst etwas anders mit deiner eigenen Arbeit umzugehen. Kannst du drauf genauer eingehen. 

Genau. Während des Aufbaus, in beiden Räumen, fragte ich mich öfter was ich hier eigentlich tue. Warum ich so viel Aufwand betreibe, und im Endeffekt nur zu einem ganz kleinen Ergebnis komme. Der Betrachter sieht den ganzen Wahnsinn vorher nicht; diesen Druck, dieses Pigment, diesen Staub, diesen Saft in dem ich stehe. In dieser Situation hat sich bei mir etwas gedreht. Es ging immer um eine Form der Sichtbarkeit und was kann man zeigen. Oder was gehört zu dem Bild und an welcher Stelle fängt man an.
Der Moment des Durchmalens/Durchdringens/Zeigens/Verdeckens ist etwas, das mich nun seit einigen Jahren begleitet, hier aber kam nun eine neue Ebene für mich hinzu, die auch zu den aktuellen Projekten seit November letzten Jahres führte. Loslassen, Fallen, nicht anwesend sein. Im November 2018 gab es dann die Ausstellung bei Annex14 in Zürich, die gerade neue Räume bezogen hatten, die ich noch nicht kannte und die es auch noch nicht gab. Es ist ein großer Raum in den eine messeähnliche Architektur reingesetzt wurde, was für mich befremdlich war. Mir fehlte das Intime wie in Düsseldorf, oder das klare wie in Prag. Hier wurden in die Mitte des Raumes Wände gedacht und aufgebaut, die natürlich nicht bis unter die sechs Meter hohe Decke gingen. Mir fehlte daher der physische Bezug zur Architektur. Aus der Erfahrung von SVIT des Auftauchens, die Arbeit raus zu hauen und dann wieder zu verschwinden, hatte ich jetzt vor dies nur bis zu einem bestimmten Punkt zu treiben. Eben einen Aufbau zu starten, mit dem wiederkehrenden Motiv der Wandarbeit als Klammer, aber nur gedacht. Alles lief wie gewohnt: abmessen, Wände abkleben, abdecken, tackern, Bier trinken. Ich habe versucht es bis zu einem gewissen Punkt durchzuziehen und loszulassen, abzubauen. Hier gab es dann das nasty Ding mit den Klebestreifenresten, weil eben immer Klebestreifen kleben blieben, Tackernadeln nicht aus der Wand kamen. Es waren Spuren der Handlung vorhanden, aber nicht Spuren der Durchmalung – nur das ‘Davor’ und ‘Dazwischen’. Die Situation gefiel mir, sie hatte etwas verletzliches und irritierte den Anlass. 

Das heisst du wolltest deinen Arbeitsprozess etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen? Beziehungsweise dem abgebrochenen Arbeitsprozess. 

Ja, aber auch bei dem durchziehen gibt es einen Aspekt den ich gut finde. Es sieht immer so leicht aus, so zart. Obwohl das Durchdringen eine sehr aggressive Handlung ist. Die Farbe ist wie ein pures Gift. Es verändert seine Form: ist flüssig, durchbricht etwas, trocknet. Das ist auch was mir an den Arbeiten gefallen hat. Sie waren nackt und haben von sich erzählt, beziehungsweise haben keinen großen Ausreisser in andere Richtungen gemacht. Und doch hatten sie eine Offenheit die sie in bestimmte Kontexte gebracht haben, ohne das sie sich hier vollkommen aufgelöst hätten.
Für mich haben Materialien eine gewisse Intelligenz, und natürlich eine Geschichte, die mich beruhigt. Zum Beispiel die Tackernadeln hatten etwas gutes. Etwas einfaches und wiederholendes. Einfach mal in die Wand tackern.

Welche Rolle spielen also die Materialien für dich? 

Ich versuche Materialien zu durchleben und Reibung zu erzeugen, die dann erstmal Beobachtungen sind, vielleicht zu Bildern werden.
Wie so viele von uns bin ich mit Bilder aufgewachsen. Der limitierte Raum, den diese bieten, beeinflusste mich. Die Materialien die hierin reagieren. Die Brüche die entstehen. Es sind sinnliche Berührungspunkte die ich herausarbeite. Daher geht es in der Arbeiten viel um Zeit, um Präsenz. Diese Beobachtungen faszinieren mich total. Daraus kommt auch eine gewisse Magie – trotz nur kleiner Eingriffe oder Schritten kommt es zu einer Verschiebung, einem Zauber, der mich bannt. 

Es läuft also immer stark auf ein ästhetisches Gefühl heraus, die sich spontan ergibt? Zumindest ging es mir so, als ich vor einigen Jahren die ersten Arbeiten aus deiner Anna-Serie gesehen habe. 

In der Serie ist der Moment des Lockens durch die Erscheinung sehr hervorstechend, aber dann hatte diese Arbeit auch dieses Schmerzliche, wegen des möglichen Verschwindens. Denn durch die Berührung der Leinwand wird die empfindliche Oberfläche zerstört. Man nähert sich und bewegt sich um diese Arbeit, aber sie entzieht sich dem Auge durch das ständige changieren. Sie lässt sich nicht greifen.  Die erste Beobachtung zu dieser Serie entstand zufällig im Atelier, als sich durch die Durchmalung der feine Farbstaub auf allem niederließ. Es sollte kein Konzept werden, es ging wie erwähnt um die Beobachtung oder Resonanz von Farbe zu Leinwand. Die Farbe, die hier auf der Leinwand liegt, liegt wirklich nur auf, und ist dadurch sehr sensibel  und kann zu Wunden in der Oberfläche führen. Diese Beobachtungen sind für mich die einzige Möglichkeit nachzuvollziehen was ich eigentlich produziere. Wenn ich mit dem Pinsel arbeiten würde, würde es mich überfordern. Warum ein Kreis und kein Dreieck? Warum das eine und nicht das andere Motiv? Dies fühlt sich für mich endlos an und ich würde nie zu dem Punkt kommen, das ich die Arbeit spüre und eine Logik darin finde. Das Bild schafft sich aus sich selbst heraus. Die monochromen ‘ANNA’s funktionieren nur, weil sie auch diese Verletzlichkeit besitzen. Das soll komplett den Moment der monochromen Malerei aufbrechen, die mich einfach auch nicht interessiert – niemanden interessieren kann. 

Deine Arbeiten sind offen für den Betrachter ihren Entstehungsprozess zu erahnen. Die Druchmalungen. Deine Werke entziehen sich immer mehr und mehr einer Gegenständlichkeit, und zirkulieren nur um das Bild, als Gegenstand, an sich oder als Idee. Der Betrachter muss hinschauen und sich darauf einlassen. Erst dann sieht man den feinen Unterschied, den Moment des Entstehens. 

Als es damals mit diesen hellen Arbeiten anfing, den ganz zarten. Es gab damals den Aspekt des nicht-greifbar sein für eine Reproduktion und das es eine Begegnung braucht. Das ist für mich auch das Schöne an Malerei, das sie etwas physisches ist. Sie steht Dir gegenüber. Die Ränder sind der Orientierungspunkt für die Vergewisserung, das es eine Leinwand ist. Sie steht von der Wand ab. vielleicht verzieht sie sich oder liegt opak auf, aber sie bleibt immer eine Brücke, zu einem Raum der Dich umgibt und dir versichert, dass du da bist in dem du dich zu ihm verhältst. Der eingefrorene Blick als Orientierungspunkt ist etwas das mich schon vor einigen Jahren in meiner Durchmalungs-Serie ‘Untitiled’ und den gescannten ‘Makeup’s faszinierte. Die ‘Fleshout’s knüpfen genau hieran an. Diese Gruppe war durch ihre kühle und klare Struktur irre, den dies war so konträr zu mir und der Struktur in meinem Leben. Es fühlte sich fast an wie ein Rollenspiel, einmal in eine andere Welt einsteigen, Klarheit, Übersicht, drucken, Druckerpatronnen, voll oder leer. Diese habe ich letzten Sommer noch einmal bei Piktogramm in  Warschau zeigen können, was auch eine tolle Erfahrung war, weil es für mich junger Künstler ungewöhnlich ist, Werke zu zeigen, die schon mehr als vier Jahre alt sind. Es war schön sich von der Idee zu entfernen, das man etwas Neues schaffen muss; der nächste Schritt. 

Hier sind wir dann also an dem Punkt um über die neuen Arbeiten zu sprechen. Die ‘Delays’. 

Genau. Hier sind wir nun in so einer Art Schleife. Ich finde es super interessant, das ich jetzt gerade an dem Punkt bin, den Prozess, die initial Zündung einer ganzen Gruppe (‘Untitled’), die mich bis dahin getragen hat, zeigen zu können. In dem ich nichts zeige, sondern nur dieses vollgezogene und gesprühte Stück Leinwand auf Leinwand, das alles schluckt. 

D.h. Delay entstand dann zusammen mit der Ausstellung bei Annex14? 

Ja, dort wurde die erste Arbeit aus dieser Serie gezeigt. Dies entstand aus einem Gespräch mit einem Freund, Manuel Burgener. Es ist eine Arbeit die mit zwei Arbeiten spielt. Das Verfahren ist wie bei ‘Untitled’. Ich spanne eine Leinwand auf den Keilrahmen, grundiere diese, bereite diesen soweit vor, das hier eine gute Grundlage entsteht, dann ziehe ich über diese Leinwand eine weitere Leinwand, tackere sie an den Seiten fest und gehe dann mit dem Lack drüber. In diesem Moment sickert die Farbe auf die weiße Leinwand, ich würde im Anschluss eigentlich diese schwarze Leinwand wieder abziehen. Dann hätte man wieder dieses Extrakt, oder bekannte Arbeit (‘Untitled’). Diese Haut die jedoch darüber liegt, hat eigene Qualitäten und ist auch nicht einfach nur monochrome. Sie erfüllt eine Funktion, in dem sie das eigentlich Bild verdeckt, zeigt jedoch gleichzeitig den eigentlichen Prozess. Für mich ist dies die Möglichkeit einen wichtigen Baustein zu entfernen. Weil ich das Gefühl habe, das sie hierdurch zu einer sehr konkreten Arbeit wird und die Konfrontation mit der Tatsächlichkeit forciert. Und dann verbirgt sie aber gleichzeitig etwas. Sie spielt somit wieder mit dem Nicht-Zeigen-Zeigen und der Verantwortung des Betrachters. Was passiert, wenn man es wieder aufdeckt? Dann verschwindet dieser Moment jedoch wieder. Das Spiel von ‘Delays’ bezieht sich auf genau diesen kurzen Moment in der Entstehungsphase des Bildes. 

Der Titel der Serie ist entlehnt aus einem Interview. Wie kam es dazu? 

Aus einem Gespräch mit Ulrich Loock, als wir uns im Rahmen der Düsseldorfer Ausstellung über Duchamp unterhielten. Er erzählte mir wie sich der Künstler gelenkig aus einer Antwort auf die Frage was für ihn Malerei sei windet. Duchamp wollte nicht über Malerei sprechen, sondern über ‘Delays’, was er als einen Zustand begreift in dem sich Bilder befinden können. Sie zeigen einen Zustand im hier und jetzt, aber verweisen gleichzeitig auf die Vergangenheit und sind somit in ihrer Bedeutung verschoben, bzw. verzögert. Diese Idee der Verzögerung sprach mich an und ich realisierte, das dies genau den Umstand meiner Serie beschrieb. Es passt in mein Verständnis von Bildern und meiner Art des Machens und Zeigens, sowie deren Verhältnis zueinander. Wir sind es heute sehr gewohnt, etwas schnell zu erfassen, ein Umstand der für meine Arbeiten einfach nicht funktioniert. Die Leinwände werden für mich somit Mittel zum Zweck, um meine Geschichte zu erzählen. Meine Beobachtungen. Meine Zustände. Sie sind wie Schilder am Rand einer Fahrbahn, sie geben Orientierung, schlüsseln die Situation aber nicht erklärend auf. Sie blitzen auf, man nimmt sie wahr. Und genau genommen führen sie mich zu meiner nächsten Station. Ich schlendere mit ihnen langsam einen Weg entlang. Gerade habe ich das Gefühl, das ich meiner Arbeit gerecht werde. Sie kommt natürlich zustande, ohne das ich zu viel machen muss, oder kann. Es fühlt sich sehr intim an und ich traue mich das erste mal diesen Schritt in die sehr privaten Atelierräume zu zulassen. Der nackte Entstehungsprozess. Das Sujet, was mich so lange getragen hat, ist nun weggewischt und ich muss schauen das ich ohne diesen Schleier auskomme. 

Das heisst du bist nun wieder am Anfang deiner Arbeiten angekommen? Auf eine reifere, reflektiere Art. Oder traust du deinen Arbeiten nun mehr zu? Oder vielleicht beides? 

Ich bin mir nicht sicher ob ich am Anfang angekommen bin, da der Weg dort hin sehr langwierig war. Aber es ist immer noch interessant, dieses Wesen was man jetzt sieht, wird mich eine Zeit beschäftigen. Es sind Arbeiten die nicht an der Wand hängen, oder auf dem Boden stehen, sondern sie sind auf Prothesen angewiesen: den Stuhl, der wie im Atelier zum Abstellen und austesten, ausruhen genutzt wird. Die Arbeit steht somit über dem Boden, auf dem Stuhl, angelehnt an die Wand. Sie befindet sich in Bewegung und ist noch nicht klar als Bild definiert. Gleichzeitig gibt es die Funktionalität des Stuhls im Kontrast zur Funktionalität des Bildes, was für mich eine Reibung erzeugt. Natürlich gibt es eine Tradition des Sujet des Stuhls in der Kunst, für mich kam es aber aus einer Freundschaft oder Gewohnheit heraus. Es ergab sich ganz natürlich für die ‘Delays’. Es gibt hier also zusätzlich eine Störung, woher die Bezüge kommen und ob sie daher kommen. Das Zusammenspiel der industriellen Farbigkeit der Stühle, der Leinwand, des Lacks, der Tiefe der Oberflächen; für mich ist es faszinierend darüber zu sinnieren. Die schwärze der Leinwand, die nun die Fehlstellen beim weben preis gibt, oder die Handabdrücke die sich in die Leinwand beim aufziehen durch das Körpereigene Fett eingebrannt haben. Diese Irritationen in der matten schwarzen Farbe wird dann ganz anders reflektiert. Im Kontrast zu den Annas, die auf das Abgeben der Kontrolle an den Betrachter reagieren. Alle Annas die wüst aussehen, sind Momente die nach dem verlassen des Studios aufgetreten sind. Mit denen ist etwas passiert. Die Frage nach Sorgfalt und Wert kam hier auf, das hat was magisches.

Mit herzlichem Dank an Lina Sommer und Seda Pesen.