Steve Bishop – Start Over Every Morning @ Kunstverein Braunschweig

Das, was zuerst vertraut war und dann verloren, oder wenigstens entfremdet zu sein scheint, ein Verlust als Folge der Zeit. Etwas, zu dem man nicht mehr dazu gehört,
von dem man entfamiliarisiert, ist, derealisiert. Mit dem Verlorenen wieder in Berührung gebracht, ist man wie in einen Traum versetzt. Josef Strau

In atmosphärischen Installationen, die häufig von Habseligkeitenund persönlichen Erinnerungsstücken gespicktsind, untersucht Steve Bishop, wie sich die individuelle psychische Verfasstheit materialisieren und in den Raum übertragen lässt. Fragile innere Zustände, die zunächst erstmal keine Form, Textur und Farbigkeit kennen, sind Ausgangspunkte für immersive Installationen. Im Wechselspiel zwischen Umraum und Subjekt wird die erzeugte Stimmung selbst – das leibliche Erleben der Situation – zum leitenden ästhetischen Prinzip. Mithilfe subtiler Verfremdungen häuslich-intimer Szenarien entwirft Bishop Zwischenwelten, in denen sich unterschiedliche Zeitkonzepte mischen und die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum, Ausstellung und Nicht-Ausstellung verschwimmen. Im Zentrum der Ausstellung Start Over Every Morning in der Remise des Kunstverein Braunschweig steht eineschlichte weiße Küchenzeile, die sich, Parzelle um Parzelle fortsetzend, über die gesamte Länge des größeren Ausstellungsraums erstreckt. Hier trifft die Banalität des vertrauten Standard-Möbels auf den Versuch abstrakte Vorstellungen von Unendlichkeit zu fassen. „Wir können von der Zukunft träumen, aber dieser Zeithorizont ist nichts im Vergleich zu der Zukunft, die hiernach kommen wird (Bishop).“

Auf der Küchenablage und in den Räumen verstreut, begegnen wir den Überresten einer Feier: Letzte Kuchenreste wurden sorgsam in Tupperdosen verstaut. Im angrenzenden Garten wurde über eine nicht mehr benötigte Sitzgruppe schon eine Schutzhülle gelegt. In ihrer Mittesammelt sich Regenwasser: ein natürlicher Indikator verstreichender Zeit. Nur aus einem Radio tönen unbeirrt Jazzstücke. Dabei eint die Objekte eine Sehnsucht danach, Flüchtiges zu konservieren – sei der Versuch den Genuss des Augenblicks zu verlängern auch noch so aussichtslos. Sie zeugen von Bishops Interesse an sentimental aufgeladenen Objekten, die unterbewusst Erinnerungen oder Wünsche wachrufen und damit gleichermaßen in die Vergangenheit und Zukunft weisen können. „Wenn man eine echte empathische oder gefühlsmäßige Reaktion auf ein Objekt hat, kann es die plastische Qualität von Kitsch übertreffen. Ich suche nach dieser Dualität.“ (Bishop)

Ob Laminatböden, Tisch- und Stuhlsets aus PVC, Acrylteppiche, Viskosevorhänge, Polyethylenüberzüge oder melaminbeschichtete Spanplatten – der regelmäßige Einsatz von Kunststoffen fällt ins Auge. Auch bei den scheinbar beiläufig abgestellten Essensresten handelt es sich um aufwendig produzierte Nahrungsimitate, ein bereits etablierter Bestandteil in Bishops künstlerischer Praxis. In Kunststoffen, die mit ihren bearbeiteten Oberflächen häufig Holz, Glas oder Aluminium zu imitieren versuchen, ist dabei immer auch ein Akt der Täuschung und ein Verlangen nach „Höherem“ eingeschrieben. Gleichzeitig verbindet sich mit Kunststoff die Paradoxie, dass es mit Wegwerfprodukten konnotiert wird, aufgrund seiner Persistenz aber besonders lange haltbar und schwierig zu recyceln ist.

Im kleineren Raum der Remise werden gefundene Fotografien Textblätter einer weitestgehend vergessenen Selbsthilfegruppe, der Re-evaluation Counseling, gegenübergestellt. Angelehnt an Ideologien und Methoden von Scientology hat sich die Mitte der 1950er Jahre gegründete und international agierende Sekte der emotionalen Katharsis ihrer Mitglieder verschrieben. Liest man die Slogans der Gemeinschaft, die zur Selbstermächtigung und Optimierung aufrufen, erahnt man in Verbindung mit dem aufgeräumten Setting der Ausstellung einen Wunsch nach Struktur, nach innerer und äußerer Klarheit, die so erstrebenswert wie akut gefährdet scheint. Ähnlich wie die Re-evaluation Counseling, die im banalen Plauderton Existentielles behandelt, gibt auch Steve Bishops auf den ersten Blick vertraut wirkendes Interieur Anlass über Grundsätzliches, den Spagat zwischen Lebensidealen und Realität, nachzudenken.

Steve Bishop (*1983 in Toronto, CA) lebt in London. Zuletzt realisierte er Einzelausstellungen in den Kunst-Werken – KW Institute for Contemporary Art, Berlin
(2018), bei Supportico Lopez mit 6817, Los Angeles (2016) und bei Carlos/Ishikawa, London (2015/2013).

www.kunstverein-bs.de