Anna Hofmann

Jail in a Jail

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  • ūüĖ§ Anna Hofmann
  • ūüíú Lars Karl Becker
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Anna Hofmann at TheTip
Better sad than sorry. 4-ever stolzieren Love and Peace √ľber ihr Din-A4-Blatt. Eine Figur reckt ihren Zeigefinger bereits stolz gen Himmel, auf der anderen Seite lassen ger√∂tete B√§ckchen noch etwas mehr Zur√ľckhaltung erkennen. Die Gef√ľhlsemulsion aus Entz√ľckung und Fremdscham verklebt sich langsam zu einem Klo√ü im Hals. Heaven is not a Halfpipe und die Konstruktion von Perspektiven etwas f√ľr Pedant:innen. Sicher ist, dass die T√ľrsteherin der Zeichenbl√§tter √∂fter einmal ein Auge zudr√ľckt. In einer Welt unbearbeiteter wei√üer Hintergr√ľnde tummeln sich allerhand sympathische und unsympathische Gestalten. Eine gewisse Faulheit beim Ausmalen der Hintergr√ľnde darf nicht als B√∂swilligkeit ausgelegt werden. Ganz im Gegenteil ‚Äď die gro√üen Wei√ür√§ume sind kuratorische Einparkhilfen. Auf diesem Wege stellt sie ganz beil√§ufig die Frage nach dem, was diese ¬ĽKunst¬ę im Ausstellungskontext eigentlich ist. Nach getaner Arbeit auf T-Shirts, Magazinseiten und neuerdings auch Kaffeetassen, stehen ihre Darsteller:innen gerne in White Cubes herum. Gleich dem Verlust des scharf Sehens nach zwei Gl√§sern Wein guter Qualit√§t, in einem grell erleuchteten Ausstellungsraum, b√ľgelt die starre Brennweite und geringe Tiefensch√§rfe ihrer losen Airbrushpistole alles glatt und zart. Form und Inhalt greifen ineinander wie der Cola-Mix von Schwip Schwap oder Spezi. Anna Hofmanns Protagonist:innen wirken stets ein wenig ertappt, wie sie so in ihrer √§therischen Sph√§re lungern. Beliebigkeit und Bindungslosigkeit haben l√§ngst ihren Bo¬≠h√®me-Reiz verloren. Sch√§men sollen sich - wenn das √ľberhaupt noch jemand tut - die Betrachter:innen gef√§lligst selbst. Der geplanten Obsoleszenz der eigenen Jugend im Sp√§tkapitalismus l√§sst sich kein Schnippchen schlagen. Jeder Versuch, die eigene Pubert√§t zu verl√§ngern, ist dennoch ein ehrbares R√ľckzugsgefecht. Ein Recht auf Reparatur der einst uns gemachten Versprechungen, haben wir Feiglinge nicht erk√§mpfen k√∂nnen. Doch geht es bei Anna Hofmann um mehr als die individuelle Trauer einer Generation, um das eigene Erwachsenwerden-m√ľssen. Treffsicher wird das Trauma des kompletten Zusammenbruchs unserer Optimismusordnung der 1990er Jahre illustriert. Jede:r einzelne von uns ist ein kleiner gescheiterter Kinderstar und fragt sich, wie es so weit kommen konnte. Wenn, lachen wir mittlerweile selbst am lautesten. Kevin ist nicht mehr allein zu Haus, sondern hat nun eine eigene Familie gegr√ľndet. Was Macaulay Culkin gerade treibt, ist uns egal geworden. Unser Leben wird zur Chopped and Screwed Version des meistverkauften Albums des Jahres 1995: Tekkno ist cool von den Schl√ľmpfen. Schon mit seinen 37 Jahren ist Diddl im Gegensatz zu uns Forever. Sowohl die Ausstellungsmacher:innen als auch die K√ľnstlerin haben mit der kleinen Maus wortw√∂rtlich die Schulbank gedr√ľckt und miterlebt wie der Merchandising-Artikel sich aus sich selbst heraus erschaffen kann. ‚ÄúHat Diddl eigentlich noch Abitur gemacht?‚ÄĚ h√∂re ich meine Eltern besorgt fragen. Der Blick in den Ausstellungsraum TheTip bleibt unerwidert, der einzige Halt ist ein Paar himmelw√§rts strebender Klauen. Hofmanns Protagonist:innen haben sich nicht einmal mehr die M√ľhe gemacht zu ihrer Ausstellung Jail in a Jail zu erscheinen. Etwas bedr√∂ppelt gar unserer entt√§uschten Vorfreude auf neue Charaktere und Konstellationen, blicken wir in eine fast leere Vitrine. Links oben zeigt sich noch eine kleine Rahmung durch herabh√§ngende Bl√§tter, ansonsten dominiert das Wei√ü des Ausstellungsraumes. Entweder weist das Wimmelbild des Hofmannschen Kosmos unbev√∂lkerte Randbereiche auf - oder wir sollen uns mittlerweile den Rest einfach selber denken. Jail in a Jail ist nicht weniger als eine gelungene Selbstparaphrasierung der eigenen k√ľnstlerischen Praxis. Die Erz√§hlung l√§uft unter Nennung der blo√üen √§sthetischen Ausgangsbedingungen im Kopf der Betrachter:innen eigenverantwortlich weiter. Mehr noch, wir werden aus dem Publikum auf die Stufen der Tempelruine gezerrt und gen√∂tigt, unser eigenes Dramolett aufzuf√ľhren. Ohne in Melancholie abzudriften, verstiegen wir uns am Er√∂ffnungsabend in Diskussionen √ľber die gruselige Cuteness der 90er Jahre und dem darin verkapselten Wunsch nach einem Happy End der Menschheitsgeschichte. Wir schmierten uns die Prekarit√§tsmarmelade gegenseitig auf‚Äôs Brot, und sogar die hausgemachte Sangria hat eigentlich allen geschmeckt. Nicht verstehen k√∂nnen wir jedoch, warum die aktuell 20-J√§hrigen eigentlich so aussehen wie BRAVO-Raver aus unserer Kindheit.
Lars Karl Becker

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