Nigin Beck

Transformers

Project Info

  • ­čĺÖ mauer
  • ­čľĄ Nigin Beck
  • ­čĺť Heike Gei├čler
  • ­čĺŤ Stefanie Humbert, Mareike Tocha

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Installationsansicht, Transformers, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Installationsansicht, Transformers, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Installationsansicht, Transformers, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Installationsansicht, Transformers, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Installationsansicht, Transformers, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Installationsansicht, Transformers, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 3 (breastfeeding), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 3 (breastfeeding), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Stefanie Humbert
A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Stefanie Humbert
Detailansicht, A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Detailansicht, A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Detailansicht, A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Detailansicht, A Womyn's Festival, Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 2 (pregnant), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 2 (pregnant), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 4 (after), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 4 (after), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 1 (before), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Transformer No. 1 (before), Nigin Beck, mauer 2023, Foto: Mareike Tocha
Liebe X, lieber X, komisch, pl├Âtzlich diese Lust, mein Leben aus der Perspektive meiner Br├╝ste zu erz├Ąhlen. Und kaum denke ich dar├╝ber nach, vermute ich, es w├Ąre nicht mein Leben aus der Perspektive meiner Br├╝ste erz├Ąhlt, sondern das Leben der Br├╝ste. Meine Br├╝ste erz├Ąhlen ihr Leben. Und wenngleich es meine Br├╝ste sind, wei├č ich nicht, inwiefern ich in deren Erz├Ąhlung vork├Ąme, vielleicht w├Ąre ich nur eine Randfigur. Wer w├Ąre ich? Der Eindruck, meine Br├╝ste geh├Âren nicht mir. Meine Br├╝ste waren jemandes Besitz, aber geh├Âren jetzt niemandem (mehr). Ich setze mein kompliziertes Verh├Ąltnis zu Besitz und N├Ąhe bei meinen Br├╝sten fort und lasse sie frei. Es passiert dies: Ich sehe sie ziehen, wenngleich ich sie nicht sehe. In dieser Vorstellung sind sie unsichtbar, entziehen sich der Visualisierung. Ich sp├╝re, sie gehen. Ich wei├č nat├╝rlich, dass sie noch da sind, ich sehe und sp├╝re sie ja mehrfach t├Ąglich, zum Beispiel jetzt. Ich winke meinen unsichtbaren Br├╝sten hinterher. Ich stehe irgendwo und winke meinen Br├╝sten wie ein Clown mit einem nicht enden wollenden Taschentuch hinterher und wische mir mit selbigem Taschentuch halb echte, halb vorget├Ąuschte Tr├Ąnen ab. Wir, also meine Br├╝ste und ich, oder die Br├╝ste und die zu ihnen Geh├Ârende, haben partiell ein aus Witzen gemachtes Verh├Ąltnis. Wir sind durch Humor miteinander verbunden. Ich muss innehalten und konstatieren: Ich spreche da nicht f├╝r meine Br├╝ste. Ich habe den Eindruck, sie w├╝rden dieser Beschreibung unseres Verh├Ąltnisses widersprechen. Die Br├╝ste ziehen, komischerweise ziehen sie in eine Landschaft, wie ich sie vor allem aus der Malerei des sozialistischen Realismus kenne. Ein Regenbogen, ein hoher Fabrikschornstein, Felder, ein Traktor, Menschen mit langen Beinen, sehr gro├čen F├╝├čen, weit ausholenden Schritten. Da hinein ziehen die Br├╝ste, gehen aber auch dar├╝ber hinweg. Sie entziehen sich mir und den Bildern. Mir ist als sagten sie: Du hattest deine Chance. Mir ist aber sowieso schon die ganze Zeit nach Abschied zumute. Liebe X, lieber X, wie kann eine ihre Br├╝ste gehen lassen? In letzter Zeit begegnete mir ab und an der etwas grobe Witz, den ich zuerst bei Tig Notaro geh├Ârt habe: Dass ihre Br├╝ste sich gegen sie gewendet h├Ątten, nachdem sie sie jahrelang nicht, eigentlich nie gemocht hatte. Meine Br├╝ste, so Tig Notaro, dachten sich wohl Let's kill her und h├Ątten dann einen Krebs entwickelt, der aber schlie├člich mitsamt der Br├╝ste entfernt werden konnte. Ich habe also jedenfalls festgestellt, dass, wenn ich hallo, Br├╝ste sage und damit meine Br├╝ste meine, eine eigenst├Ąndige Erz├Ąhlung beginnt. Und ein Erinnern an meine Br├╝ste. Ich erinnere mich an meine Br├╝ste allerdings wie an allgemeine, verschlagwortete Objekte. Ich habe den Eindruck, ich erinnere mich nicht. Liebe X, lieber X, kaum versuche ich, mich zu erinnern, kommt mir eine Unlust in die Quere. Ich will mich nicht erinnern, weil ich mich so gut erinnere. Ich erinnere mich zu gut, wie ich meinen K├Ârper von oben bis unten, von au├čen bis innen den Blicken und Erwartungen anderer angepasst habe. Ich habe meinen K├Ârper nie vor den Erwartungen und Blicken anderer besch├╝tzt. Ich habe mich nie sch├╝tzend vor meinen K├Ârper geworfen. Ich habe mich nie sch├╝tzend vor meine Br├╝ste geworfen und ihnen alle Zeit der Welt gegeben. Ach, Br├╝ste. Ist es so, dass ich sagen kann: Meine Br├╝ste und ich wurden in unseren Versuchen, zusammenzugeh├Âren immer wieder unterbrochen? Liebe X, lieber X, ich sehe seltsamerweise ein Buch, einen dicken Folianten, eine Art Fotoalbum. Ein Album, wie ich es nicht besitze. Es wird in meiner Vorstellung aus einer Truhe gezogen, der Staub wird weggepustet, es wird langsam, sorgsam aufgebl├Ąttert. (Eine Szene, wie man sie aus allen m├Âglichen Filmen kennt. Nur geht es in diesem Album hier um meine Br├╝ste.) Ich sehe dank des Albums die Schaumbr├╝ste in der Badewanne, sehe mich wenige Jahre sp├Ąter im Flur springen, um zu schauen, ob mir wenigstens schon kleine Br├╝ste gewachsen sind. Aber nichts wackelte. Ich erinnere mich an meine Ungeschicklichkeit beim Auspolstern eines Badeanzugs (mit Watte, sie wurde im Wasser zu Klumpen), daran, wie mir beim Tanzen die Pads aus dem BH fielen, wie jemand fragte: Was ist das? Und ich sagte: Keine Ahnung, aber ich heb's mal auf. Ich erinnere mich an das vollkommene Einverst├Ąndnis mit meinem ganzen jugendlichen K├Ârper in Binz am Strand und daran, wie meine Mutter mir befahl, das Bikinioberteil wieder anzuziehen. Ich schlage den Folianten zu. Ich sollte Euch sagen, wie es mir jetzt geht: Ich r├Ąume alles auf, ich sehe alles an. Ich habe den Eindruck, vollkommen neu zu beginnen. Und beispielsweise streife ich den K├Ârper ab, ohne ihn abzulegen. Ich trage all das von mir ab, was sich angelagert hat: Zuschreibungen, Erwartungen, Mutma├čungen, Anspr├╝che, Begehrlichkeiten, Konsum und Projektion. Ich m├Âchte ja nicht so weit gehen zu sagen: Ich hatte ├Âffentliche Br├╝ste. Aber meine waren es nicht. Meine Br├╝ste waren Allgemeingut im schlechtesten Sinn. Liebe X, lieber X, r├╝ckblickend denke ich, es handelte sich bei mir eventuell um einen eigentlich zur Brustlosigkeit bestimmten Menschen (wer w├Ąre das eigentlich?), der durch Zufall an ein paar Br├╝ste geriet und mit diesen nicht gut umzugehen wusste. Wie auch, nicht wahr? Alles, was mir durch meine Br├╝ste, was an, mit und in ihnen passierte war mir fremd, manchmal unangenehm, schmerzvoll, peinlich, manchmal vergn├╝glich, lustvoll, toll. Ich sehe also meine Br├╝ste mir sozusagen zum Abschied winken und freue mich, ihnen wieder zu begegnen, wenn ich mehr Zeit f├╝r sie habe. Ich verwandele ansonsten und bis dahin alle Zuschreibungen, Erwartungen, Mutma├čungen und Anspr├╝che an meine Br├╝ste in Analysen, Vorw├╝rfe und Kritik. Und wie geht es Euch?
Heike Gei├čler

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