Talisa Lallai – Post Tropical

Unter dem Titel „Post Tropical“ geht Talisa Lallai im Museum Kurhaus Kleve der Existenz und der Identität des Tropischen im westlichen Alltag nach. Die Ausstellung schließt konkrete Objekte wie exotische Pflanzen ein, sie umfasst aber auch Narrationen und Vorstellungen des Tropischen, welche anhand von historischen Drucken, Abenteuerromanen, Skulpturen und Reisefotografien verfolgt werden. Im Zentrum steht die Fiktion des Fremden, die oft mehr über den Autor und seinen Kontext aussagt als über eine tropische Realität. Stereotypisierungen und Idealisierungen des Unbekannten durchdringen alle Epochen und gesellschaftlichen Bereiche: Sie prägen die Aufzeichnungen der ersten Reisepioniere genauso wie die Bilder des Avant-garde Malers Paul Gauguins, der sich ein Tahiti konstruierte, das weitaus idyllischer war als er es vorfand; sie bestimmen die Motive und Ausschnitte von Reisefotos und finden nicht zuletzt ihren Niederschlag in Konzepten wie der tropischen Masoala Halle im Zürcher Zoo, der die Absicht verfolgt, die dort lebenden Tiere wieder in die freie Wildbahn auszusetzen.

Mit gefundenen und selbst gemachten Fotos stellt Talisa Lallai historische Formen von Exotik zeitgenössischen Ansätzen gegenüber. Damit verbunden sind Geschichten der Kolonialisierung und Globalisierung, die es überhaupt möglich machen, dass Bananenstauden und „Flamingo Flowers“ in botanischen Gärten und Wohnzimmern gezeigt werden können. Die Explorationen der ersten Reisepioniere wie Alexander von Humboldt oder der für Kleve bedeutende Prinz Moritz von Nassau-Siegen erschlossen neue Gebiete und führten exotische Flora und Fauna in Europa ein. Offiziell standen diese Reisen unter dem Prädikat der wissenschaftlichen Recherche, gleichzeitig fand aber auch eine politische, kulturelle und soziale Aneignung der neuen Gebiete statt. Lallai verdeutlicht diese Geschichte anhand der Abbildung eines Theodoliten, einem Gerät der Landvermessung, das bis heute im Einsatz ist. Das Instrument steht stellvertretend für eine Kolonialisierungspolitik, die nicht nur auf der Überzeugung der Richtigkeit der westlichen Perspektive basierte, sondern diese auch unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit verbreitete. Lallai verwendet eine gefundene Aufnahme, dessen sorgfältige Inszenierung sämtliche Aspekte des Kolonisierungskonzepts vereint. Nicht nur wird ein wertvolles, goldenes Exemplar zur Schau gestellt, sondern es wird auch seine Einzigartigkeit in der Darstellung hervorgehoben. Das Instrument ist einem Porträt gleich inszeniert: Details wie Rohre, Schrauben, Drehscheiben werden dem Betrachter dargeboten und Kostbarkeit wird nicht nur anhand des Material Gold, sondern auch durch die Dominanz von polierten, glänzenden, Oberflächen impliziert. Der Schein des Theodoliten verspricht eine gewinnbringende Zukunft.

Talisa Lallai arbeitet mit aufgeladenen Motiven, die dem Betrachter nicht nur bekannt sind, sondern zu denen er auch eine Meinung hat. Die Einladungskarte zeigt eine Aloe Vera, eine Pflanze, die in den letzten Jahren zu einem Lifestyle Produkt avanciert ist, dem allerlei wohltuende Wirkungen nachgesagt werden. Ein kurzer Film präsentiert die schäumende und brechende Krone einer Welle im Endlosloop. Bei beiden Motiven soll es nicht um die Verbreitung von Ferienstimmung gehen, sondern um die Fokussierung auf ein Objekt, das sich als Ikone etabliert hat. Meistens ist unklar, ob die Aufnahme von der Künstlerin selbst gemacht wurde oder ob sie sie gefunden hat. Die Nivellierung ist wichtig, da es nicht entscheidend ist, ob etwas von Künstlerhand oder von einem Amateur aufgenommen wurde, sondern dass ein Framing-Effekt stattfindet, der universell zu sein scheint. Sowohl in der Geschichte der Kunst als auch im Populärgebrauch werden exotische Motive nach bestimmten Gesichtspunkten ausgesucht und inszeniert. Lallai wiederum setzt eine weitere „Rahmung“ dazu, indem sie die Art und Weise wie sie die Bilder präsentiert als essentiellen Teil des Werks versteht. Alte Diageräte werden eingesetzt, um an die Betrachtung von Reisefotos zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu erinnern, Passepartouts werden verwendet um den Sammelwert eines Objekts anzudeuten, Aluminiumrahmen werden gebraucht, um auf das Werk des italienischen Fotografen Luigi Ghirri zu verweisen. Die Künstlerin benutzt Präsentationsformen, um mit dem Medium, der Epoche und dem Wert eines Bildes zu spielen, und keinesfalls muss das was man als Betrachter zu identifizieren meint, auch immer den Tatsachen entsprechen.

Susanne Figner

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