THE SHELLS

Ein Berliner Theaterkollektiv präsentiert im Juni eine achttägige immersive Performance inspiriert von Twin Peaks. Aktuell läuft zu dem Projekt eine Crowdfunding-Kampagne.

Inspiriert von David Lynchs Kultserie Twin Peaks und anlässlich dessen 25-jährigen Jubiläums
veranstaltet 7 Minutes in Heaven Productions im Juni diesen Jahres The Shells – Ausflug nach
Neu-Friedenwald, eine achttägige immersive Theaterperformance in Berlin-Tempelhof. An der Oberfläche einem Kriminalplot folgend, zeichnet The Shells das Bild einer ausgehšhlten Vorstadtutopie, die infolge eines brutalen Gewaltverbrechens zusehends in sich zusammenfŠllt. Aufgrund der interaktiven Ausrichtung der Performance wird das Publikum buchstŠblich Teil des Geschehens. Durch die direkte Konfrontation mit Neu-Friedenwalds Einwohnern und deren (sowie den eigenen) Abgründen werden gesellschaftliche Normen von Moral und Anstand kontinuierlich hinterfragt und neu verhandelt.

The Shells spielt in der fiktiven Stadt Neu-Friedenwald, 1945 von einer Gruppe desillusionierter
Amerikaner gegründet, die ihrer zunehmend als unmoralisch und ruchlos empfundenen Heimat den
Rücken kehrten. Sich selbst als Pilgerväter inszenierend, gründen sie im just befreiten Westdeutschland unweit von Berlin ihre “city upon a hill“, ein von der Außenwelt isoliertes Stück Utopie, geprägt von neo-puritanischen Idealen.

Eine bis ins Letzte insular organisierte Gemeinschaft, steht Neu-Friedenwald allem “von außen“
Kommenden misstrauisch gegenüber und verwehrt Fremden in der Regel den Zugang zur Stadt.
Einzig in der Sommerzeit öffnet der Ort seine strengbewachten Tore zur zeitlich knapp bemessenen
Touristensaison – einmal im Jahr präsentiert sich Neu-Friedenwald von seiner besten, weltoffensten
Seite. In diesem Jahr jedoch werden die routinierten Vorbereitungen von einem tragischen Ereignis
überschattet: der brutale Mord an Neu-Friedenwalds Homecoming Queen Cecilia traumatisiert
die Gemeinde und versetzt die Einwohner in Schockzustand. Bald aber meldet sich der Geschäftssinn zurück – die Touristensaison muss und wird auch in diesem Jahr stattfinden. Der Gewaltakt hinterlässt nichts desto trotz seine Spuren; nur mit Mühe kann der Anschein von Idylle und Harmonie aufrechterhalten werden – bis die Fassade zu bröckeln beginnt, sich Abgründe auftun und die Schattenseiten der vermeintlichen Utopie zu Tage treten.

Anliegen von The Shells ist es, Mechanismen sozialer Konstrukte aus feministischer Perspektive
zu identifizieren, in Frage zu stellen und letztlich aufzubrechen. Neu-Friedenwald ist ein Ort, der
von (häufig sexuell motivierter) Gewalt geprägt ist, die ausschließlich, von der Gemeinde (bewusst)
unbemerkt, hinter geschlossenen Türen geschieht. Es bedarf der Brutalität einer Gruppenvergewaltigung und eines Mordes, um Gewalt zu einem ansatzweise öffentlichen Thema werden zu lassen. Das Verbrechen destabilisiert die einschläfernd routinierten Strukturen Neu-Friedenwalds und sabotiert den bislang kollektiv zelebrierten Verdrängungsprozess. Je weiter die Erfüllung des utopischen Traums in die Ferne rückt, desto manischer versuchen Neu-Friedenwalds Einwohner, an ihren gescheiterten Wunschfantasien festzuhalten.

Als Touristen begrüsst, erleben die Besucher hautnah, wie sich die Neu-Friedenwäldler in einer immer spannungsgeladeneren Atmosphäre verhalten – sind sie Initiatoren oder Opfer von Gewalt? Greifen sie ein oder verharren sie auf einem ausschließlich passiven, gar voyeuristischen Standpunkt? – und werden dabei selbst permanent zur aktiven Positionierung angehalten.

Auf mehr als 500qm wird das repräsentative Abbild einer amerikanisch geprägten Vorstadt von
Grund auf gebaut. Die Performance wird im Greenhouse Berlin stattfinden, das durch seine Lage im
ehemaligen amerikanischen Sektor in Berlin-Tempelhof geeigneter kaum sein könnte. Unweit des
geschichtsträchtigen Tempelhofer Feldes, das heute vorzugsweise als Picknickstätte genutzt wird,
befindet sich das ehemalige Jobcenter zwischen weitläufiger Waldfläche und verlassenem Industriegebiet – ein Ort, der, ähnlich wie Twin Peaks und auch Neu-Friedenwald, aus jeglichem Raum-Zeit-Kontinuum gefallen zu sein scheint. Eine Zwischenwelt und ein Nicht-Ort, der der reizüberfluteten Großstadtszenerie 10 Busminuten weiter diametral gegenübersteht und auch Berliner zu Touristen in ihrer eigenen Stadt machen wird.
Das immersive Universum Neu-Friedenwalds besteht aus einem Diner, einem Nachtclub, einer Plaza und einem Motel sowie den privaten Haushalten der Einwohner. Szenenbild und Kostüme orientieren sich sowohl am hinterwäldlerischen Americana von Lynchs Twin Peaks und Blue Velvet als auch an der Aesthetik ikonischer Meilensteine US-amerikanischer Popkultur in Film und Literatur.

The Shells ist eine großformatig angelegte internationale Kollaboration zwischen in Berlin und
London ansässigen Künstlern aus verschiedensten kreativen Bereichen. Viele von ihnen haben bereits mit etablierten kulturellen Institutionen wie dem Deutschen Theater, der Schaubühne, Volksbühne und dem Berliner Ensemble zusammengearbeitet und waren Teil innovativer Theaterkollektive und-produktionen wie MEAT, Punchdrunk, Secret Cinema und You Me Bum Bum Train.

http://theshells2015.com

https://www.kickstarter.com/projects/382490910/the-shells-ausflug-nach-neu-friedenwald/description

cecilia_mirror (vivien lafleur)_by laura jung_web

Cecilia (Vivien Lafleur), by Laura Jung

cecilia_smoking (vivien lafleur)_by laura jung_web

Cecilia (Vivien Lafleur), by Laura Jung

cecilia_spinning (vivien lafleur)_by laura jung_web

Cecilia (Vivien Lafleur), by Laura Jung

cecilia_telephone (vivien lafleur)_by laura jung_web

Cecilia (Vivien Lafleur), by Laura Jung

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Welcome to Neu-Friedenwald, by Laura Jung

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Cecilia (Vivien Lafleur) by Laura Jung

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Audrey (Kirsten Brandt), by Kaspar Kamu

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Mrs Fitts (Iris Lange), by Kaspar Kamu