Tobias Donat, Buck Ellison, Steffen Zillig – Sittenbilder (Genre Pictures) @ Galerie Conradi

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Sittenbilder (Genre Pictures)

„Being perfect don’t always change shit“ ruft Kanye West am Ende seines Konzerts wutentbrannt von der Bühne. Er appelliert an sein Publikum, sich nicht von einer globalen Elite und deren Fake News hinters Licht führen zu lassen und sich stattdessen auf die eigenen Gefühle zu verlassen. Angestrahlt wird er dabei von iPhone-Lichtern aus dem Publikum, ausschließlich „Originals“, wie wir in Steffen Zilligs Video erfahren. Zwischen kapitalistischer Warenästhetik und gefühlter Wahrheit sucht West nicht nur eine (Re-)Inszenierung von Authentizität, sondern auch eine Befreiung vom Diktat einer sozialen Klasse, die sich nicht nur in ökonomischer, sondern vor allem in kultureller Hinsicht überlegen fühlt. Eine Forderung, die West, nach Selbstaussage „greatest artist of all time“, mit Donald Trump verbindet, für den er aktiv wirbt – eine Koalition, die vor dem Hintergrund Trumps rassistischer Äußerungen äußerst widersprüchlich erscheint.
Die Re-Kollektivierung von Gefühlen, besonders solcher sozialer Benachteiligung, hat das politische Terrain der Gegenwart eingenommen. Die Emotionalisierung öffentlicher Anliegen scheint vor allem für das rechte Lager erfolgreiche Strategie der Mobilisierung für ihre auf Ausgrenzung beruhenden Agenden – im Extremfall für einen rassistischen weißen Nationalismus. Das dabei gezeichnete Feindbild trifft nicht nur alle als „Andere“ Identifizierten, sondern auch „Kosmopoliten“, die sich für eine Identitätspolitik gesellschaftlicher Minderheiten einsetzten. Mit letzteren wird vor allem eine soziale Gruppe assoziiert, die „akademisch gebildet, privilegiert, an postmaterialistischen Werten, den Rechten von Minderheiten, Antirassismus und globaler Bewegungsfreiheit von Menschen und Kapital interessiert“ sei. (1)
Die damit einhergehende Polarisierung zwischen einer oberen und einer unteren gesellschaftlichen Klasse stellt sich laut Andreas Reckwitz als eine Kulturalisierung sozialer Ungleichheit dar. (2) Während die einen nach öffentlicher Zurschaustellung von Einzigartigkeit – oder: Singularität – strebten, betrieben die anderen eine „Alltagslogik des muddling through“(3) sowie eine Kultivierung von „plebejischen Authentizitäten“. (4)
Diese „Verwirklichungen“ des Selbst stehen in direkter Relation und Opposition zueinander, wie schon Pierre Bourdieu in seiner Untersuchung zum „Geschmack“ sozialer Klassen feststellte. Darin beschrieb er den Gegensatz zwischen legitimem und populärem Geschmack (anlehnend an Kants Unterscheidung zwischen „reinem“ und „barbarischen“ Geschmack, wobei letzterer als gewöhnliche Alltagseinstellung dem Vergnügen Vorzug vor dem „interesselosen Gefallen“ gäbe) als Antagonismus zwischen Vernunft und Sinnlichkeit, zwischen Distanz und Verdrängung von Gefühlen einerseits und der Betonung von Emotionen und der Tendenz zum Körperlichen andererseits. (5)

Die distanzierte, unterkühlte Haltung zur Welt zeigt sich in idealtypischer Form in Buck Ellisons Fotografien. Seine Bilder porträtieren das Leben der perfekten amerikanischen Familie – wohlhabend, gebildet und weiß. Jedes Detail fungiert als Code für gesellschaftlichen Erfolg: Geschmackvolle Einrichtung, teurer Schmuck, stilvolle Kleidung, gepflegtes Aussehen, Sportlichkeit, Objekte aus verschiedenen Regionen der Welt werden zu Erkennungsmerkmalen für Vermögen, Bildung, Weltgewandtheit und Beflissenheit. Emblematischer Protest, „Pro“, wird im perfekt aufgeräumten Jugendzimmer auf makellose Banner gemalt. Einen minimalen Affekt der Erzürnung zeigt nur die schwangere Politikerin in „Dick and Betsy, The Ritz-Carlton, Dallas, Texas“. Die Diskrepanz zwischen Schein und Aktivismus wird auch in Tobias Donats „Daybeds“ deutlich: Während die Titel noch die Global Goals, die 2015 vereinbarten Ziele der UN für eine nachhaltige Entwicklung, bemühen – „How Might We Fight Inequality and Injustice“ und „How Might We End Extreme Poverty“ –, verkommt die Referenz formal zum endlosen Muster auf den Stoffbezügen. Auch das Daybed, bei Donat in einer zeitgenössischen, ästhetisch-minimalistischen Form, kann als Attribut eines sozialen Milieus gelesen werden, dessen Lebensrealität von Unabhängigkeit und Selbstorganisation geprägt ist.
Im Gegensatz zum regulierten Arbeitsverhältnis erlaubt die projektbasierte, vermeintlich freie Arbeit eine flexible Tagesgestaltung; im stilvoll eingerichteten Home-Office. Wie Luc Boltanski und Ève Chiapello gezeigt haben (6), wurde die scheinbar emanzipatorische Forderung nach mehr Selbstbestimmung und Autonomie innerhalb eines flexiblen Kapitalismus vereinnahmt und damit gegen sich gewendet. Vielmehr noch wurden Selbstentfaltung und Einzigartigkeit zur gesamtgesellschaftlichen Doktrin, die mit einer Entwertung anderer Lebensmodelle einhergeht: Die kulturelle Selbstermächtigung der neuen Mittelklasse bedingt die Herabwürdigung von Lebensstilen der unteren Klassen. Und der Maxime von Perfektion durch Selbstdisziplin stellt sich die Sehnsucht nach Enthemmung und Eskalation entgegen. Prozesse der Singularisierung innerhalb der neoliberalen Logik, wie sie Reckwitz beschreibt, haben dazu geführt, dass Gefühle der Abwertung und der Unterlegenheit weniger als Klassenlagen, sondern als Einzelschicksale erscheinen. Werden diese diffusen Gefühle allerdings gezielt adressiert und re-kollektiviert, erhalten sie politische Wirkkraft, beschreibt Cornelia Koppetsch. Indem andere für die empfundene Schlechterstellung verantwortlich gemacht werden, entstehen Ressentiments. Nicht allein die soziale Ungleichheit, sondern erst die kollektive Aktivierung des Gefühls führe zu politischem Handeln. (7)
Ressentiments finden sich bei beiden politischen Lagern als Abwertungen nach unten wie nach oben. In einer globalisierten Welt tragen zudem Medien entscheidend zur Entstehung von Gefühlsgemeinschaften und gesellschaftlicher Tribalisierung bei. (8) Nicht zuletzt sind „Polarisierung und kulturelle Spaltung […] ebenso big business. Viele Medien haben ein Interesse daran, ihren Konsumenten Gefühle von Missachtung zu vermitteln beziehungsweise ihren Opferstatus zu bestätigen als die eigentliche Mehrheit, die aber nichts mehr zu sagen habe“. (9) Der Selbstverwirklichungsimperativ der Gegenwart definiert Erfolg nicht nur als (ökonomische und soziale) Sicherheit, sondern in erster Linie als permanente Neuerfindung eines interessanten, authentischen Lebens. Die Angst vor dem Scheitern entfesselt die selbstgerechte Abwertung von „Anderen“ und kanalisiert sich in emotionalen Ausbrüchen. Zilligs „Only Originals“ führt vor Augen, was passiert, wenn die Anrufung dieser Gefühle sich mit Narzissmus und Ignoranz paart; oder gar die Pole Klasse und Nation vermengt. Das Streben des einen nach Anerkennung als Selbstzweck entfacht den Ausbruch und die Eskalation derer, die sich nach Erlösung vom konstanten Performance-Druck sehnen.

Die Kritik des amerikanischen Journalisten und Schriftstellers Ta-Nehisi Coates bringt diese Ambivalenzen auf den Punkt: „West calls his struggle the right to be a ‚free thinker‘, and he is, indeed, championing a kind of freedom – a white freedom, freedom without consequence, freedom without criticism, freedom to be proud and ignorant; freedom to profit off a people in one moment and abandon them in the next; a Stand Your Ground freedom, freedom without responsibility, without hard memory […].” (10)
–Juliane Bischoff

(1) Silke van Dyk, “Identitätspolitik gegen ihre Kritik gelesen: Für einen rebellischen Universalismus,” in Bundeszentrale für politische Bildung (ed.): Aus Politik und Zeitgeschichte 9–11/2019, “Identitätspolitik,” 26.
(2) See Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne, 5th ed. (Berlin: Suhrkamp, 2018), 350.
(3) Ibid., 351.
(4) Ibid., 361.
(5) See Pierre Bourdieu, Distinction: A Social Critique of the Judgment of Taste, trans. Richard Nice (Cambridge, Mass: Harvard University Press, 1984), 492–94.
(6) See Luc Boltanski and Ève Chiapello, The New Spirit of Capitalism, trans. Gregory Elliott (London and New York: Verso, 2005).
(7) See Cornelia Koppetsch, “Ressentiments: Über die politische Wirkmächtigkeit negativer Gefühle,” December 20, 2018, soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/ressentiments/ (accessed August 12, 2019).
(8) See ibid.
(9) Jan-Werner Müller, “‘Das wahre Volk’ gegen alle anderen: Rechtpopulismus als Identitätspolitik,” in Bundeszentrale für politische Bildung (ed.): Aus Politik und Zeitgeschichte 9–11/2019, “Identitätspolitik,” 23.
(10) Ta-Nehisi Coates, “I’m Not Black, I’m Kanye: Kanye West Wants Freedom—White Freedom,” May 7, 2018, theatlantic.com/entertainment/archive/2018/05/im-not-black-im-kanye/559763/ (accessed August 12, 2019).

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