Tobias Donat @ PPC Philipp Pflug Contemporary

EINSAM INFORMIERT
Wie der Tag beginnt, so endet er: im WLAN. Nachts hält das Smartphone vom Schlafen ab, morgens vom Aufstehen. Liegend blinzeln wir auf Bildschirme, lassen wehrlos Bilder in unser Innerstes dringen: Wie ein faschistischer Massenmörder auf betende Muslime zielt, wie eine Matadorin aus der Bronx mit wehenden Fahnen ins Kapitol zieht, wie Jugendliche ihre Angst um den Planten auf Motorhauben hämmern, wie übermächtige Computer Piloten und Passagiere in den Abgrund zwingen. Wo früher Papier mit Deckeln war, eine Sendung mit Uhrzeit im Hörzu-Heft, ist heute Content ohne Container.
Es ist leichter sich die Unendlichkeit des Universums vorzustellen als die Endlichkeit des Internets. Doch die Informationen geben keine Antworten, sondern werfen nur weitere Fragen auf. Was ist wichtig, was nebensächlich? Wie hängt alles miteinander zusammen? Sollte man das Handy weglegen und auf die Straße gehen oder bleibt es ewig fünf vor zwölf? Wir können uns am Chaos berauschen oder sortieren. Uns um den Verstand posten oder mitreden. Unübersichtlich war es schon immer. Nur gibt es keine Deutungshoheitsträger mehr, die durch die Unübersichtlichkeit hindurchführen. Politiker, Journalisten und sonstige Welterklärer müssen neuerdings gegen Blauhaarige, Netzgören und Wettergurus ankommen. Sie haben Ämter und Posten, aber keine Follower. Ihre Stimmen dringen nicht mehr durch.
Auch durch die Ausstellung geht man allein, ohne Audioguide. Der Künstler bietet keine Erklärung, aber viele Perspektiven an. Perspektiven, die man in Filterblasen nicht bekommt. Eine ungewöhnliche, ungemütliche Anordnung von Trending Topics, die keiner sich so zusammengefiltert hätte. Tobias Donats Bilder verstricken unsere Timelines miteinander und uns gleich mit. Hier kann man aus dem Algorithmus brechen und ganz bewusst ins Öffentliche schauen.

Livia Gerster

IM DILEMMA DER POSITIONIERUNG
Weder der Künstler noch der Betrachter funktionieren als tabula rasa. Informationen und Eindrucke jeder Art werden vom Gehirn abgespeichert und zugleich auf Grundlage der eigenen Erfahrungswelt und Wahrnehmung kategorisiert: in gut, schlecht, sinnvoll, nutzlos, bedeutsam oder obsolet. Zu diesen Informationen prägen sich Bilder ein. Stößt man auf diese, so evozieren sie die dazu abgespeicherte Haltung.
Mit entsprechender Wucht treffen daher auch die hochgradig aufgeladenen Bilder, die Tobias Donat in seiner Werkserie „Trending Topics“ aus Medienmaterial generiert. Der Versuch einer objektiven Betrachtung ist somit unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Doch die blau-weißen Panele stellen keine Analyse dar, sondern vielmehr einen Status quo, der sich als erfahrbarer Raum für Diskussionen und Dialoge begreift. Wer diesen Raum betritt, kann – nein – muss immer wieder den Standpunkt wechseln und sich stets neu positionieren.
Die im Jacquard-Muster aus Merinowolle gestrickten Collagen verweben aktuelle Themen der Politik, Ökonomie, Demographie, Technologie und Ökologie. Die Analogie der Verwobenheit funktioniert auch deshalb zweifellos, da die Motive zwar als Kompositionen durchaus Sinn ergeben, jedoch im Gesamtbild erst die Komplexität der Zusammenhänge und gegenseitigen Abhängigkeiten erkennen lassen. Aus den Fäden spinnt sich ein Konstrukt, das den Raum mehrfach durchkreuzt und durchquert. Die eigene Positionierung als Betrachter wird damit immer schwieriger.
Im Kontext seiner bisherigen Arbeiten bildet „Trending Topics“ eine Weiterentwicklung auf Grundlage der Auseinandersetzung mit größeren Zusammenhängen und Widersprüchen, die sich in Donats Werken oftmals durch die Kombination und Wiederholung semiotischer Zeichen subtil manifestiert. Die Zuspitzung seiner Beobachtungen erfolgt nun innerhalb eines zeitlichen Rahmens und erfährt somit erstmals auch eine zeitgeschichtliche Verortung.

Elena Frickmann

www.ppcontemporary.com