Under the sun, over the moon, and down to earth. @ Tor Art Space, Frankfurt am Main

Florian Mehmeti Löffler, Emily Jones, Maximilian Arnold & Ørjan Einarsønn Døsen, Luis Einhauser, Manuela Gernedel & Fiona Mackay, Viktor Briestensky, Morag Keil, Ella CB, Emilie Viktoria Kjær, Annkathrin Kluss, Nicolina Eklund, Robin Stretz, Kristin Reiman, Seda Pesen

Curated by Hendrike Nagel
Photos: Diana Pfammatter

under the sun: alles mögliche, auf Erden
(„I’ve tried everything under the sun to fix this lock, but I just can’t get it to work.”)

Der Tor Art Space stellt einen Ort des Umbruchs und Transits dar. Als Zwischennutzung führt er von einer Existenz zur nächsten, attestiert einen Übergang und formiert sich als offener Prozess einer räumlichen Transformation. In seinem Dasein als Ausstellungsort spitzt sich diese Beweglichkeit zu. Im Gegensatz zum White Cube – als wohl immer noch stereotypischstes Ausstellungsformat – halten sich die Räumlichkeiten des Tor Art Space in ihrer Erscheinung nicht zurück und proklamieren keine (vermeintliche) Neutralität. Sie sind weder hochweiß, noch kubisch, noch gleichmäßig erleuchtet. Vielmehr bröckelt hier die bzw. eine Geschichte von den Wänden, ihre kulturelle Identität. Sie liegt in der Wandfarbe, schimmert durch die Beleuchtung, materialisiert sich im Interieur und verräumlicht sich in der spezifischen Raumarchitektur. Assoziationen von Vergangenem überlagern die (quasi) leeren Räumlichkeiten. Nahezu unweigerlich fügen sich Abläufe einer Autowerkstatt vor dem inneren Auge zusammen, die Gesellschaft einer Bar tut sich auf, sowie die Machenschaften eines dunklen Kellergewölbes. Gleichzeitig suggerieren die Räumlichkeiten mit ihren materialgewordenen Assoziationen bestimmte Handlungskonventionen, welche das Verhalten im Raum maßgeblich und scheinbar automatisch beeinflussen. Vermeintlich instinktiv sind die Verhaltensmuster in einem kontemplativen Ausstellungsraum anders bestimmt, als in einer kommunikativen Barsituation.

 

over the moon: überglücklich, hin und weg sein
(„She was over the moon about/with her new bike.”)

Was sich hier andeutet, ist die relationale Dynamik zwischen Raum (Objektivismus) und Körper (Subjektivismus), bzw. Raumgefühlen und Gefühlsräumen. Durch ihre materielle Bestimmtheit legen Räumlichkeiten nicht nur eine Funktionalität offen, sondern erschaffen auch emotionale Räume, bzw. zeigen sich als Teil von diesen. Emotionale Räume, die beim Subjekt bestimmte Gefühle, Affekte und Verhaltensweisen hervorrufen, aber gleichzeitig auch von diesem individuell bestimmt werden. Hier zeigt sich die duale Qualität von Räumen, welche gleichzeitig eine regelnde soziale Struktur und das Produkt eines performativen Handlungsvollzugs darstellen: Emotionen werden dergestalt durch den Körper nicht nur ausgedrückt, sondern auch durch ihn erlernt. Der Körper ist somit nicht das Gegenteil von Kultur, sondern der Ort, an dem Kultur wirksam wird. Die Hinwendung zum Körper, zum Subjekt, fordert eine neue Betonung von Raum und Räumen. Körper sind notwendigerweise im Raum situiert und bewegen sich durch diesen und werden durch ihn geformt. Vermittelt durch den Körper mit seinen Sinnen, rufen unterschiedliche Räume unterschiedliche Emotionen hervor. Dieses Verhältnis ist weder zufällig, noch ist es ein für alle Mal festgeschrieben. Emotionen, die an bestimmte Räume gekoppelt sind, können sich über die Zeit verändern und dieselben Räume können in verschiedenen Menschen sehr unterschiedliche Emotionen auslösen.

 down to earth: realistisch, auf dem Boden geblieben
(„She’s a down-to-earth woman with no pretensions.”)

 Ausgehend von diesem Beziehungsgeflecht und der Hybridhaftigkeit des Tor Art Space widmet sich Under the sun, over the moon, anddown to earth. der spezifischen Kontextualität des Ausstellungsraums. Damit richtet sich die Ausstellung gegen jedwedes determiniertes Raum- und Zeitverständnis und möchte der Beeinflussbarkeit und dem sowohl produktiven als auch destruktiven Potential von emotionalen Räumen nachgehen. Die spezifischen Einzelräume für sich einnehmend, reaktivieren die Künstler*innen mithilfe unterschiedlichster Medien die „entlebten” Räumlichkeiten und erweitern ihr räumlich emotionales Narrativ um die Ebene ihrer eigenen (künstlerischen) Subjektivität. Jegliche Selbstverständlichkeit des Raumes und unserer Raumerfahrung sind angehalten sich zu verlieren. Vielmehr sollen Fragen aufgeworfen werden, die schwindlig machen können und die Bedeutung von Kontextualität und Subjektivität herausstellen. So wird die Ausstellung Under the sun, over the moon, anddown to earth.zu einer Art „haunted house” der Gefühlsräume und Raumgefühle. Die sozialen Akteure sollen hier nicht nur als konditionierte Geistwesen empfangen, sondern ebenso als bedeutungsgebende Körper herausfordert und reaktiviert werden.

Idiom: (Spracheigentümlichkeit), Sprechweise einer abgegrenzten Gruppe

04.05.-28.05.2019
Tor Art Space, Frankfurt

Audio Guides:
https://soundcloud.com/user-137513911-774949929?fbclid=IwAR3FWaFKL7bOVKeJQs00guQd2D-Mc6S-ukpXtZ8-iecyCF28GfcEpZQ-fu8