Review
Rana Hamadeh, in Zusammenarbeit mit Sara Hamadeh

Standard_Deviation


Installationsansichten: Rana Hamadeh, Standard_Deviation, 2021, Ausstellungsansicht Secession 2021, Foto: Iris Ranzinger
Rana Hamadeh, Standard_Deviation, 2021, Filmstills

„Run, baby, run“ ruft eine keuchende Stimme, begleitet von katastrophischen Szenen, kollabierender Architektur, schallendem Alarm: ERROR, ERROR. Und immer wieder das Motiv des Rennens, des Kreisens, der Flucht: Avatare, die von Level zu Level durch eine pixelige Computerspiel-Welt hetzen oder eine animierte Armee von Skeletten, die in einer kultisch anmutenden Zeremonie im Kreis marschiert. Dabei schwillt das Geschehen akustisch wie visuell an und ab, verdichtet sich, wird laut, schnell, eng, bis der Druck kaum mehr auszuhalten ist. „Run, baby, run“: Aber wohin denn, wohin?

In ihrer Installation „Standard_Deviation“, die in Zusammenarbeit mit Sara Hamadeh entstanden und derzeit in der Wiener Secession zu sehen ist, verbindet Rana Hamadeh Mittel des Theaters mit Video- und Sound-Elementen. Basis der Arbeit ist Sophokles antike Tragödie des Ödipus, der als König eines von der Pest gebeutelten Volks auf das „Schicksal“ seiner eigenen Identität zurückgeworfen wird. Dieser Stoff, der nicht nur angesichts der aktuellen Pandemie erstaunlich aktuell anmutet, wird von Hamadeh nicht als lineare Geschichte nacherzählt. Vielmehr evoziert die Künstlerin einzelne strukturelle Motive des Stücks – die Versehrtheit des Körpers, Freiheit und Schuld sowie Macht, Gewalt und Herrschaft – und verbindet dabei psychische mit gesellschaftlichen Ebenen. So fragt beispielsweise ein Chat-Bot: „Fear or Desire? Anxiety!“ Die Spiel-Kategorie „Passport-Strength“ verweist dagegen auf das politische Schicksal der Herkunft.

„Standard_Deviation“ ist eine Arbeit des Bruchs. In ihren ruinenhaften Orten, die einer posthumanen Welt, einer (post-)apokalyptischen Arena gleichen, ist nichts heil, weder die Räume und schon gar nicht der Körper, der vor allem in Fragmenten, als Prothesen auftaucht. Überhaupt werden die Grenzen zwischen dem Lebendigen und dem Toten, zwischen Tier, Maschine und Mensch auf brachiale Weise aufgelöst. So gleitet eine rostig-metallene Wirbelsäule wie eine Schlange durch den Boden, ein sich aus einem gekachelten Becken auftuender Schlund spuckt Knochen wie ein Vulkan. Horror, Trauma, wundes Fleisch – begleitet von einem dumpfen Soundtrack, Singen, Klagen, Flüstern, zwischendurch Momente der Stille oder sphärische Klaviertöne.

Nicht nur inhaltlich verhandelt Hamadehs Arbeit das Motiv des Bruchs, sondern integriert diesen auch in die eigene Form. Klaustrophobische 3D-Szenen wechseln und überschneiden sich mit der kruden 2D-Animation eines Computerspiels und werden mehrfach von dem theatralen Rezitieren des Texts, der zeitgleich live im Ausstellungsraum von einer beleuchteten Maschine gedruckt wird, unterbrochen. Hamadeh brilliert hier im Spiel mit Immersion und Distanz, mit der Verunsicherung von Grenzen: denen des Werkes, aber auch denen der Rezipient:innen. So zerschlägt die Arbeit mit dem zwischenzeitlichen Aussetzen des Videos bewusst den Sog der Projektion und lässt dagegen die Realität der Rezipient:innen einbrechen: Wenn plötzlich ein lautes Schellen erklingt, erscheint es im ersten Moment unklar, ob es nun „fiktiv“ ist oder sich in diesem Moment im Ausstellungsraum tatsächlich eine Katastrophe anbahnt. Das schlagartige Umschalten der Rezeptionsmodi, das Zurückgeworfen-Werden auf sich selbst und den Raum, der einen umgibt, trifft ins Mark. Immer wieder tut sich in Hamadehs Arbeit buchstäblich und im übertragenen Sinne der Boden auf und einmal mehr wird deutlich: Wir alle stehen auf brüchigem Grund, also: „Run, baby, run!“