You touch, you die.

Es ist Mitte April, ich habe einen Termin im Messeturm Basel, Sitzungszimmer Paris 4. Straight durchs Ramada-Plaza-Foyer, Rolltreppe hoch und über grauen Veloursteppich. Alles fremde Gesichter bis auf eines. Herumstehen und Almdudler trinken, unruhig Trauben zupfen. 80 Prozent weiblich und langhaarig. Ich finde einen Platz in der dritten Reihe, am Fenster. Es wartet ein Stapel Unterlagen und Flyer, das Art-Basel-Logo überall.

2 Monate später, viertel vor neun, Donnerstagmorgen. Official introduction to everybody. Der erste Stock von Halle 3 ist brechend voll. Unzählige Stuhlreihen, Frauen in hohen Absätzen stellen zusätzliche Stühle an die Reihen. Ausschließlich fremde Gesichter. Auf dem Tisch vor mir wieder stapelweise Art-Basel-Merchandise. „Sorry, ist das hier die Reihe für die VIP-Hostessen?“ Ich verneine und zucke unwissend mit den Schultern. Hinter mir teilt ein Mädchen ihre Wasserflasche mit dem Typen neben mir. (Gerne würde ich meine jetzt auch mit jemandem teilen.) Es quietscht in den Lautsprechern, Marc Spiegler räuspert sich und beginnt nach einem VERY WARM WELCOME mit den Worten „A lot of things haven’t change, including my speech, but what has changed tremendously is the ground floor of hall two point ah hall two so hall ah hall two point zero. This will be the big topic this year, this will be the thing just confusing the people who are dead-like and hangover“ und endet mit „Good luck next week, enjoy the show, thank you very much in advance for all the hard work you’re gonna have“. Dann hüpft er sofort runter von der Bühne und eilt Richtung Ausgang. Sein Brilli im Ohr glitzert in einem der wenigen Sonnenstrahlen, die in den Raum scheinen. In den anschließenden Introductions werden wir mehrmals mit der Spezies VIP vertraut gemacht, deren dead-like-ness und unfriendly-ness am besten mit unverhohlener Freundlichkeit bekämpft werden soll. Inklusive entwaffnendem Lächeln. Kriegsmetaphern.

Dann, die Art Basel lässt sich nicht lumpen: Brunch. Croissantberge, O-Saftkonzentrat und endlose Cappuccinoschlangen. Gesprächige Grüppchen um Plastikstehtische. Ich beginne langsam zu verstehen, in welchen Dimensionen so eine Messe beheimatet ist. Und dass das auch meine Heimat sein soll für die nächsten 10 Tage.

Mit Badge ausgerüstet geht es weiter im Einführungsmarathon. Sitzungszimmer Paris 4 zum Zweiten. Zweite Reihe diesmal und schon etwas mehr Sicherheit. Die unbekannten Gesichter scheinen schon etwas vertrauter. Ehemals blaue Haare wurden durch einen Kurzhaarschnitt ersetzt. Die bunte Garderobe der meist Kunstgeschichtsstudierenden durch gedeckte Pastelltöne getauscht. Viele dunkle Hosen. Neue schwarze Sneakers. Ich reihe mich ein: schwarzer Overall, schwarze Sneakers. Nach erfolgreich abgelegter Prüfung zum Thema ‚alle 75 Art Unlimited Projekte auswendig lernen‘, geht’s in Sitzungszimmer London 2 zur T-Shirt-Aushändigung. Stückchenweise werden wir zu vereinheitlichten Zeichen. Zu den Guards der Art Unlimited 2015.

Am Freitag werfe ich einen ersten Blick in Halle 1 und werde fast von einem Gabelstapler überfahren. Es herrscht angespannte Arbeitsatmosphäre. Am Montag um 16 Uhr muss alles an Ort und Stelle sein, der Boden blank gewischt. Ich beobachte Sheila Hicks, wie sie auf einem Stuhl vor ihrer knapp sieben Meter langen Arbeit sitzend, ihre HelferInnen dirigiert. Unzählige, in bunte Wollfäden eingesponnene Holzstäbe ergeben nebeneinandergereiht langsam ein rhythmisches Relief, das an eine hochauflösende Tonspur erinnert. Weiter hinten kämpfen die Aufbauhelfer von Hector Zamoras Arbeit OG – 107 Scenery (2012) mit den riesigen militärgrünen Fallschirmen, die von Ventilatoren zum Fliegen gebracht werden sollen. Noch sehen sie eher aus wie vertrocknete Champignons.

Ich gehe weiter und sehe einen erschöpften Wu Tsang auf rotem Teppich in seinen Laptop starren. Für die überdimensionalen Töpfe von Maha Malluh, die die Künstlerin auf verschiedensten Märkten in Saudi Arabien gekauft hat, muss erst noch die dünne Messe-Rigipswand verstärkt werden.

Von nebenan schallt lautes Grölen und Klatschen herüber: das Künstlerkollektiv OPAVIVAVÁ! hat gerade den letzten Nagel in ihre interaktive Installation Formosa Decelerator (2014) geschlagen. Einige Hängematten umkreisen eine Teestation, die 16 verschiedene Kräuter, Blüten und Gewürze bereithält, mit denen die Messe-Besucher auf eigene Verantwortung mit schamanischem Zauber herumexperimentieren können. Ich lasse erstmal die Finger davon und lege mich entspannt in eine der Hängematten. In Gedanken verbringe ich dort schon jede meiner zukünftigen Mittagspausen. (Doch, fail: Hängematten chronisch voll plus Frischluftsehnsucht).

Gerade bevor die Entspannung zum Mittagsschlaf ausartet, mache ich mich wieder auf den Weg und sehe einen leeren Raum, in dem eine Palette mit einigen Kartons steht. Der oberste ist schon aufgerissen. Ich lese: Candy Cassis. Und kombiniere – Elaine Sturtevants: Gonzalez-Torres Untitled (Blue Placebo) (2004). Kurz vor dem Ausgang mache ich noch Halt bei den beiden schwitzenden Helfern von Julius von Bismarck. Am Boden liegen circa 6 Betonflügel, die zusammenmontiert eine rotierende Schale von fünf Metern Durchmesser ergeben sollen. Egocentric system (2015) scheint aber einfach noch nicht richtig rund laufen zu wollen.

Dann ist Montag und vor mir liegen sieben 10-Stunden-Tage. In diesen Tagen werde ich ausgiebig Zeit haben, die Standhaftigkeit meiner Beine kennenzulernen, Minuten zu zählen und die aktuellen Schuh- und Oberbekleidungskollektionen zu studieren. Die beste Sicht bot dabei der Artist Brunch, bei dem wir Guards das erste Mal unser Können unter Beweis stellen durften: vier Stunden lang einen Gang bilden, durch den die VIPs durchspazieren können. Manchen war das auch unangenehm, sie liefen dann um uns herum. „Ok Dear, this is one of this typical Art Basel-Moments“, höre ich einen Mittfünfziger nicht ohne Schmunzeln zu seiner Begleitung murmeln. Und ein Vater zu seiner Tochter: „I’m wearing a suit, I can’t put you on my shoulders.“

Um halb vier heißt es dann wieder: T-Shirt an und in Position gehen. Meine Messewoche beginnt mit der Bewachung des vordersten Drittels, unter anderem also: Julius von Bismarck – dem „Rotating Hipster“, wie ihn ein Unlimited-Kollege getauft hat. Von Bismarck steigt ein, drückt auf den Schalter in der Mitte der Schale, zieht ein Paar Van Goghsche Schuhe aus und beginnt sich immer schneller zu drehen. Dabei starrt er wie hypnotisiert auf einen ihm gegenüberliegenden Punkt, sein Bart wird in Schieflage gezwungen. Alle Umstehenden starren wie hypnotisiert auf den Künstler und teilen einen Gedanken: Was, wenn er gleich kotzt? Sein Galerist Max Levai scheint besonders besorgt, Schweiß steht ihm auf der Stirn, sein Blick wandert unruhig hin und her. In diesem Blickegewitter, das die Luft zwischen den BesucherInnen der VIP-Vernissage durchzieht, ist es schließlich auch eine Herausforderung, allen bekannten Gesichtern ein persönliches ‚Hi – nice meeting you’ entgegenzubringen, während man eigentlich zwei Konversationen gleichzeitig führt. Dass dieses Multitasking nicht für alle leicht zu bewältigen ist, zeigt sich hörbar an fast minütlich herunterfallenden Sektgläsern. Während ich mir meinen Weg von einer Parfümwolke zur nächsten bahne, werde ich auch von einigen Blicken getroffen. Sie reagieren wie Bewegungsmelder, sobald sich etwas im Sichtfeld bewegt: hinschauen und auswerten. In meinem Fall dann nach einem Blick auf das rosa Unlimited-Logo: Entspannung.

Von Bismarcks Strategie, sich zu entziehen: die Außenwelt nur als verschwommene Masse wahrnehmen und sich selbst zum Mittelpunkt der Welt machen. In Anna Gaskells Videoarbeit Echo Morris (2015) kann man die Künstlerin Sarah Morris dabei beobachten, wie sie sich durchs Eröffnungsgetümmel schlägt: Lippenstift, Make-Up und Lächeln sitzen perfekt, sie wirkt sympathisch. Auch an der ellenlangen Speisetafel gibt sie, zentral platziert wie Christus an Leonardo da Vincis Abendmahl, die perfekte Gastgeberin. Dann, und hier wechselt der Fokus: Morris in ihrer loftartigen Wohnung. Spiegelnde Wände, viel weiß, große Fenster. Morris rauchend in ihrem Wohnzimmer, Blick in die Ferne. Cut. Sie sitzt auf einem Stuhl und wird von zwei StylistInnen geschminkt. Cut. Morris begutachtet kritisch die Herstellung ihrer Gemälde und gibt Regieanweisungen.

Die Videobilder orientieren sich dabei an der Bildsprache von Morris, die in ihren quasi-dokumentarischen Videos die Ästhetik und Inszenierung von Macht untersucht. Hinter dem gut 20-minütigen Video hämmert uns pulsierender Synth-Pop (alle Songs vom Label ‚Italians do it better’) entgegen, was die Szenerie stark sexuell auflädt und ihr den Anschein eines nie enden wollenden Catwalks verleiht. Sie und ihre Arbeit bilden eine Einheit, die in jedem Detail nach Perfektion strebt. Doch dass es sich dabei eigentlich nicht um Perfektion, sondern vielmehr um Obsession handelt, zeigen die wenigen Momente, in denen Morris für eine Millisekunde überprüft, ob die Kamera gerade auf sie gerichtet ist oder auch im Interview zu Beginn, in dem Morris wütend jeglichen Dekorationsverdacht ihrer Kunst von sich weist. Morris wird uns also nicht nur als glatte Künstlerinnenpersönlichkeit vorgestellt, die alles unter Kontrolle hat, sondern auch als eine, die die Kontrolle zu wahren sehr bemüht ist – sei es über die Rezeption und Ausführung ihrer Kunst, oder unser Blick auf sie.

Nächste Station: Elizabeth Price’s Videoinstallation K (2015). Die Künstlerin macht einem den Einstieg nicht so leicht, viele BesucherInnen drehen auf dem Weg zum Video bereits um. Zwei fast komplett dunkle Gänge muss man passieren, um zum Inneren vorzudringen, was dazu führt, dass einige schnurstraks gegen die Wand laufen. Ich versuche dem also vorzubeugen, was mit meiner kleinen Taschenlampe eher schlecht als recht funktioniert und werde prompt von einem Mann angesprochen: „Could you please turn the Emergency Sign a little brighter?“ Ich antworte: „Sorry, that’s not possible, the gallery doesn’t wish it to be brighter.“ Darauf er: „I’m the gallery, so please!“

Die Stunden und Tage vergehen langsam, ich probiere diverse Beinhaltungen, bekomme Tipps von anderen Guards (Beine durchstrecken = sehr schlecht für die Knieinnenseiten) und wechsle am liebsten von leichter Kniebeuge zu stoischem im Kreis laufen. In einer der wenigen Pausen stelle ich fest, dass in der Kombination Cola & Snickers, die Cola gar nicht mehr süß schmeckt.

Definitives Highlight der VIP-Tage: Leonardo diCaprio am Dienstag, der First-Choice-Tag. Sein Besuch kündigte sich schon eine Stunde eher an. Da die Guards-Informationskette allerdings über einige Ecken lief, blieb ich skeptisch. Doch dann: Leo in enganliegendem blauen T-Shirt und Cappy, tief ins Gesicht gezogen. Und mit ihm, keine Securities, sondern Mama, Papa und eine weibliche Begleitung, die ihn auch kurzerhand am Arm packte und – Leo wollte schon weitergehen – zum neuen Video von Ed Atkins Happy Birthday (2015) hineinbegleitete. Ich hatte glücklicherweise gerade Aufsicht bei einer Arbeit in der Nähe und so folgte ich ihm ‚unauffällig’ und beobachtete für 5 lange Minuten jede Regung auf seinem Gesicht. Als er den Raum dann verließ: Eye contact. Und eine Stunde später dann die nächste heiße Information: Leonardo diCaprio bought the Ed Atkins work.
Ab Donnerstag dann die richtige Vernissage. Von der ChefInnenetage wurden wir vorgewarnt und machten uns gefasst auf massenhaft übermüdet schreiende Kinder plus gestresste Eltern – die ihre Kinder dann schon auch mal mit den Kunstwerken spielen lassen würden, sollten sie dann wenigstens zu Quengeln aufhören. Es waren allerdings nicht die Kinder, die der Maßregelung bedurften, sondern vielmehr BesucherInnen, die mit aller Selbstverständlichkeit alles anfassen wollten, was sich ihnen in den Weg stellt oder sensorisch irgend von Interesse sein könnte. In solchen Fällen weiß man dann nicht mehr weiter, „You touch, you die“ leuchtet vor dem inneren Auge auf, mündet dann meist in einem mehr oder weniger freundlichen „Please, don’t touch“, welches dann oft gekontert wird mit entweder Ignorieren, bösem Blick oder „I haven’t touched it“ (Mehrfachkombinationen möglich). Und obwohl viel mehr los ist und ich schon mal jemanden im Arm halte, der/die rückwärts gegen mich stößt und dann das Gleichgewicht auf seinen Stöckelschuhen verliert, genieße ich den Trubel irgendwie. Als es dann aber 18:45 schlägt und eine automatische Stimme auf das baldige Ende der Messe Art Basel hinweist, ziehen sich Sekunden wie Stunden. Dann: Zigarette auf der künstlichen Grasinsel und Finito. Im Ohr immer noch die Soundcollage aus Kenneth Angers Inauguration Of The Pleasure Dome (1954-2014), Shilpa Guptas Untitled (Rock) (2012), Sarah Morris Strange Magic (2014) und Anna Gaskells Echo Morris (2015).

Wenn noch Kraft übrig war, das Getümmel nachts hautnah erleben. Zum Beispiel Donnerstag Abend. Lediglich eine Email verschickten die 8 Galerien Isabella Bortolozzi, Greene Naftali, Gavin Brown’s Enterprise, Mathew, Real Fine Art, dépendance, 47 Canal, High Art, um die (‚private’-)Party im Plaza Dance Club anzukündigen. Und der Laden war bereits um 23 Uhr voll. Weiße Hemden klebten nass an Körpern, Gala und Drake in Youtube-Qualität aus strapazierten Boxen, die 20 Frankendrinks werden mit Kreditkarte gezahlt. Irgendwann wurden auch Hemden als überflüssig befunden und mit dem Diskonebel waren Dampfsauna-Assoziationen nicht allzu weit hergeholt. Draußen vor der Tür, Blick auf den Messeplatz im Regen und die Aussicht auf einen Nachhauseweg mit Absatzschuhen. Worüber ich dabei aber nachdenke, ist diese seltsame und auch unsichtbare Hierarchisierung zwischen den Menschen, die ich hier seit 10 Tagen beobachte. Die sich auch auf der Tanzfläche nicht aufzulösen scheint. Eine scheinbar fest existierende Gruppe, ein Netz, das den gesamten Raum durchspannt und sich selbst ständig neu bestätigt. Man selbst bewegt sich an deren Rändern, obwohl man nass wird vom Schweiß irgendeines Galleristen und Zeuge seiner gescheiterten Versuche, den Musikrhythmus beizubehalten. Und irgendwie denke ich, als ich mein UNLIMITED T-Shirt das letzte Mal ausziehe, den Badge in meiner Tasche verstaue, dass ich mit der Abgabe dieser Attribute richtig erleichtert werde. Auf Knopfdruck das Karussell anhalten und aussteigen. Stop.